DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. April 2010

Ob es Fluch oder Segen war, dass die Moral, dass das scientes bonum et malum in uns gekommen ist, lässt sich nur schwer entscheiden. Ebenso wenig können wir sagen, ob es den Tieren zuträglich war, dass der Instinkt der Balzkämpfe, des Ringens um den Rang im Rudel in sie gekommen ist. Die Moralität ist ein zusätzlicher Instinkt, der den Kampf um die Rangordnung im Rudel vom Körperlichen ins Geistige transformiert und verfeinert.

Ob dieser Kampf selbst etwas Gutes oder Schlechtes ist, können wir gar nicht wissen; es werden dabei Kräfte entwickelt und gestärkt, die vielleicht zur Ertüchtigung der Individuen einer Gattung beitragen — überhaupt aber wird dadurch das Schauspiel der Natur angeregt und am Leben gehalten.

Wer in diesem Ringen und Streben keinen Sinn und gar nichts Schönes findet, kann sich auch fragen: „Wozu braucht es überhaupt all dies, das Leben, Kämpfen und Sterben, da es doch viel einfacher wäre, wenn nichts wäre?“

Wer hingegen am Hahnenkampf und am Balzritual des Pfaus Gefallen findet, als Ausdruck von Farbenpracht und Lebendigkeit der Natur, der kann auch gleich noch die Moralität des Menschen, das Gerechte und Ungerechte, das Gute und Böse dazupacken und alles nehmen als ein Naturschauspiel, als das Kräftemessen einer Spezies, als prächtiges Zeichen einer überquellenden Energie.