DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. April 2010

In den Tugendlehren der Philosophen heißt es überall, die materiellen Güter machten erstens nie satt und setzten zweitens ihre Besitzer in ständige Furcht, sie zu verlieren; hingegen würde die Tugend vollständige Befriedigung verschaffen und sei nicht von Glücksumständen gefährdet, weil sie ja im Tugendhaften selbst ruhe und ihre ganze Kraft aus ihm alleine bezöge.

Wenn nun aber, nach meiner Analyse, der Lohn der Tugend allein darin besteht, von anderen geachtet, geliebt und gerühmt zu werden, so ergibt sich, dass ihr Gut um nichts beständiger ist als die materiellen und sinnlichen Güter, weil es ja ganz von den Launen derjenigen abhängt, die von diesen Tugenden begünstigt wurden. Der Lohn der Tugend ruht eben nicht im Tugendhaften selbst, sondern entsteht aus einer Wechselwirkung, einem Handel zwischen ihm und den von ihm Begünstigten, denen er nützlich war.

Auch sättigt die Tugendübung, beziehungsweise die Güter die wir dafür erhalten, die Achtung, der Ruhm usw. keineswegs mehr als es materielle und sinnliche Güter vermögen. Denn die einen wollen immer mehr Achtung als sie bekommen und werden niemals satt, die übrigen, nachdem sie gesättigt, werden bald wieder hungrig und gierig nach neuem Lob, neuer Beachtung, neuer Liebe. So scheint der Tugendhafte nicht sicherer als der, der sich um materielles Wohl und leibliche Genüsse sorgt.

Der andere Vorteil, den die Tugend einbringen soll, sei die Freiheit. Denn nicht nur drohe dem Bösen der Verlust seiner Freiheit durch Kerker und Ketten, sondern auch der Feinschmecker, der Lüstling, der Geldgierige, der Machthungrige, der Wehleidige und der Eigennützige seien letztlich Gefangene ihrer Triebe und Leidenschaften, würden sich ihren Folterknechten ausliefern wie ein Süchtiger dem Opium und mit der Freiheit gleich noch ihre Ehre opfern. Dem aber stelle sich der Tugendhafte entgegen und befreie sich mit Gerechtigkeit, Gleichmut und Selbstbeherrschung von solchen dunklen Zwängen.

Wenn aber in Wahrheit Tugendübung nichts ist, als anderen gefallen wollen, dienen, Opfer bringen, sich vor ihrer Mißgunst fürchten und alles tun, um ihre Laune zu besänftigen, wenn wir den Köstlichkeiten und dem Liebestrieb nur darum entsagen, nur darum Armut wählen, klein und bescheiden bleiben, Schmerzen verbeißen und immer nach ihren Wünschen fragen, um bei ihnen günstig dazustehen, bewundert und gelobt zu werden — wo ist dann hier Freiheit?

Ich denke also, in der Tugendübung ist nicht mehr Freiheit zu finden als in jeder anderen Tätigkeit. Das einzige, was hier noch als ein Element der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gelten könnte ist, dass der Tugendübende nicht bloß von direkter Vergeltung durch Lob und Achtung abhängt, sondern oftmals auch bereit ist, seinen Lohn zu stunden, indem er sich in seiner Fantasie damit befriedigt, dass derselbe schon irgendwann nachgereicht werde. Bei manchen geht diese Selbstbefriedigung soweit, dass es ihnen genügen würde, wenn sie sogar erst nach ihrem Tode mit Achtung und Ruhm belohnt würden; oder gar nur von der vorgestellten Situation, dass wenn einer von ihrer guten Tat erführe, er dann voller Achtung und voll des Lobes sein würde, auch wenn es in der Realität einen solchen nicht gibt und vielleicht niemals geben wird; ebenso diejenigen, die von einem gedachten Wesen, einem Gott, belohnt und anerkannt zu werden sich vorstellen und damit zufrieden sind.

In diesen Fällen ruht, bis zu einem gewissen Grade, die Befriedigung in dem Tugendhaften selbst, d.h. er verschafft sich das Lob der andern durch seine Vorstellung. Aber lassen wir ihn verhöhnt, seine Tugend in den Schmutz gezogen, seine Handlungen als unnötig oder gar schädlich, als böse verunglimpft werden, so wird sein Selbstgefühl und seine Eigenständigkeit sehr schnell zusammenbrechen, denn das physisch Reale, welches bereits in dergleichen ausgesprochenen oder geschriebenen Worten liegt, übt auf unser Gemüt eine unvergleichlich stärkere Wirkung als es unsere Vorstellungen, Einbildungen und eigenbrötlerischen Konstruktionen vermögen. Darüber hinaus ist auch sein Gemüt, welches sich die Dinge zurecht legen kann, ein sehr gebrechliches und launenhaftes Ding, und wenn er sich heute vorstellt, wie er von der Nachwelt gerühmt, von Gott belohnt werde, so kann er morgen schon an allem zweifeln und über seinem eigenen Wert zusammenbrechen.

Die Lehren, welche zur Enthaltsamkeit mahnen, vor jedem Übermaß unserer Gefühle, Affekte, Einbildungen, Meinungen und dergleichen warnen, haben daher vor allem unsere Freiheit im Auge, denn dergleichen Leidenschaften sind verderbliche Krankheiten der Seele, die uns in vieler Hinsicht unfrei machen.

Dieselben Lehren ermahnen uns aber auch zur Gerechtigkeit, Tapferkeit, Güte und Freigebigkeit, welche alle nur das Ziel haben, anderen zu gefallen und uns ihre Achtung zu verschaffen. Ein solches Streben ist aber das Gegenteil eines jeglichen Freiheitsstrebens, weil der Grund des Glücks hier gänzlich bei andern ruht. Die Weisheitslehrer vermischen also beständig zwei Bereiche, die Freiheit und die Tugend und merken nicht, dass beide nicht zu vereinigen sind. Denn entweder streben wir nach Freiheit, entfernen uns aber dabei vom Umgang und den Interessen der anderen, oder wir folgen der Tugend, das heißt wir handeln lobenswert, das heißt für andere, zu ihrem Nutzen und um ihres Lobes willen.

Mit guten, das heißt anderen nützlichen Taten befriedigen wir unsere Eitelkeit, denn sie bewirken, dass wir gut bei ihnen dastehen. Mit egoistischen Handlungen befriedigen wir unseren Freiheitsdrang, denn sie nehmen keine Rücksicht auf die Wünsche und Urteile der anderen.

Diese beiden, das Verlangen nach Geltung und das Verlangen nach Freiheit, sind die hauptsächlichen Triebe, von denen unser moralisches Handeln bestimmt wird. Sie lassen sich aber, wegen ihrer Gegensätzlichkeit, prinzipiell nicht vereinigen, außer in dem einen Falle, wo sie sich, wie durch Zufall, miteinander aussöhnen, dann nämlich, wenn es uns ebensolches Vergnügen bereitet, anderen zu dienen wie ihnen zu gefallen, wenn wir nicht den geringsten Widerstand in uns spüren, nicht die geringste Spur von Unfreiheit, Einschränkung, Angst vor ihrem ungünstigen Urteil oder Sucht nach ihrem Lobe. Dann sind beide Triebe voll befriedigt — wir dienen, einzig weil uns danach ist und freuen uns an ihrem Dank wie an der Blume am Wegesrand.

Diesen besonderen Fall können wir deswegen Zufall nennen, weil wir selbst keinerlei Einfluss haben, ihn hervorzurufen und keinerlei Erkenntnis, seinen Ursprung zu ergründen. Wir können nicht beeinflussen, ob uns etwas gefällt, ob wir etwas gerne tun, und wenn es geschieht, so wissen wir nicht warum. Es kommt über uns, wenn nicht durch Zufall, so doch wie von einer höheren Macht oder dem Schicksal gesandt, und also kann hier nicht mehr von einem Sollen oder Müssen, wie sonst in der Moral, die Rede sein: „Du sollst Deinem Nächsten helfen und mit Freundlichkeit begegnen,“ ist eine pragmatische und vernünftige Anweisung. Aber die Forderung: „… und Du sollst es gerne tun,“ ist so unsinnig wie: „Du sollst in der Lotterie gewinnen.“ Man kann nicht auf Befehl froh sein, sich verlieben oder etwas gerne tun, es geschieht uns, oder eben nicht.

Dass wir Freude an unseren guten Taten haben, und also freiwillig und gerne für dieses begehrteste Gut und höchste Vergnügen, für das Geliebt- und Gerühmtwerden, tätig sind und also gratis erhalten, was wir sonst mit mühsamen Opfern und dem Verlust unserer Freiheit erkaufen müssen, dies ist der wünschenswerteste, aber wie gesagt, nicht von uns beeinflußbare Fall. „Du sollst Deinen Nächsten lieben und ihm gerne helfen“ ist als Forderung zwar unsinnig, als Wunsch aber durchaus verständlich, denn es ist das Beste sowohl für den, der hilft, als auch für den, dem geholfen wird.