DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

21. März 2010

Unser größtes Glück ist die Anerkennung der anderen, weswegen die Tugend, als welche uns zu dieser Anerkennung verhelfen soll, seit jeher von den Philosophen als höchstes Gut gepriesen wurde. Diese Anerkennung, und damit unser Glück, scheint ein äußerliches Ding zu sein, weil es ja immer von den anderen ausgehen soll, also nicht in uns selbst begründet ist, allenfalls durch unsere Tugendübung bei den anderen angeregt werden kann.

Tatsächlich aber findet diese Anerkennung oder Nichtanerkennung der anderen fast nur in uns selbst statt und hängt nur daran, was wir glauben, was wir uns vorstellen, wie wir empfinden: Hält er viel von mir, werde ich von ihm geachtet, schätzen sie meine Klugheit, hält man mich für einen zuverlässigen, redlichen Menschen, finden mich die Frauen ansehnlich, begehrenswert, werde ich von dieser einen geliebt? Auf diese Fragen können wir nur selbst antworten, aufgrund unserer subjektiven Einschätzung, mit welcher wir ihre Mienen und Worte interpretieren. Was die anderen wirklich denken und von uns halten, werden wir ja niemals erfahren, und also zählt für uns nur, was wir glauben, daß sie denken. An diesem Glauben hängt aber unser ganzes Glück.

Insofern könnte man meinen, wir seien ja doch unseres Glückes Schmied und könnten, wenn wir nur das Positive, uns Günstige in unserer Einschätzung zuließen, ganz formidabel leben. Nur leider hängt diese Einschätzung ganz und gar von unserer Laune und Gemütsverfassung ab. Dieselben Minen, dieselben Worte nehmen wir an einem Tag als Kränkung, an einem anderen als Kompliment, derselbe Scherz bringt uns an einem Tag zum Lachen, am andern zur Verzweiflung wegen einer darin geargwöhnten Beleidigung, und einer, den Millionen bewundern, kann an dem Zweifel scheitern, ob ihm die Gunst einer Einzigen sicher sei. Alles hängt an unserer Tageslaune, an einer Sympathie oder Antipathie, und diese Stimmungen gehen in unserem Leben auf und ab, und der Wechsel folgt einer mehr oder weniger konstanten Periode, auf die wir keinen nachweisbaren Einfluß haben.

Unser höchstes Glück, die Anerkennung der andern, samt unserer Tugend, welche sie bewirken soll, es ist alles ein Zusammenhang, und alles hängt an unserer Laune — und diese wiederum an unserem Schicksal, welches wir in keiner Weise lenken können.