DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. März 2010

Die verschiedenen Sitten- und Tugendlehren sind nichts als Spielregeln für diverse Spiele und Wettkämpfe in der Arena des Moralischen: Dort spielt man einmal das Christenspiel, das Spiel römischer Bürgerehre, das jüdische Spiel, das buddhistische Spiel, das Spiel der Ritterehre, das Spiel des Humanismus, das Spiel des Gentlemen Agreement, das Nationalspiel, das Sozialspiel und, seit neuestem, das Globalspiel.

Manche Regeln sind all diesen Regelwerken gemein oder doch ähnlich, manche ganz spezifisch und scheinen den übrigen barbarisch, viehisch oder teuflisch. Lügen und Stehlen ist bei Räubern Ehrensache, auch in Sparta und bei den Ägyptern war es hoch angesehen, bei den übrigen wird es, wenigstens offiziell, verworfen und verfolgt. Die Griechen durften die eigene Schwester heiraten, unseren Priestern und Mönchen ist die Ehe verboten.

Weil es aber bei diesen Spielen um Gewinnen oder Verlieren geht, werden sie oft mit tierischem Ernste gespielt, und man versteht wenig Spaß dabei. Der Einsatz nämlich ist Rang und Ehre, Anerkennung und Verdienst, die wichtigsten Dinge des Lebens, und also sitzt man mit Verbissenheit am Tisch.

Dennoch sind es nur Spiele, denn sie hören einmal auf, wenn eine neue Epoche kommt oder man den Landstrich wechselt und dann, in neuer Gesellschaft, eine neue Runde beginnt.