DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. März 2010

Wenn Gefühle der Freundschaft oder der Liebe aufhören, wenn der einst so hoch geschätzte Freund unser Interesse verliert, wenn die zuvor so heiß Geliebte jetzt langweilt, gar auf die Nerven geht, so steckt in den meisten Fällen dahinter, dass wir auf irgendeine, oft ganz unmerkliche Art gekränkt oder zu wenig beachtet wurden. Nicht haben wir bei ihnen einen tatsächlichen Mangel entdeckt, der uns bis dahin verborgen, sondern unsere Eitelkeit hat einen Schlag erlitten. Wenn wir die anderen dann geistlos und langweilig finden, so weil wir dort kein Forum mehr sehen, auf dem wir uns hervortun, wo wir glänzen können. Aber nicht in ihren Qualitäten haben sie nachgelassen, sondern nur in ihrer Ehrerbietung gegen uns, weswegen wir uns gleich verlassen und verraten fühlen und ihre Gegenwart nicht mehr ertragen können. Wir gestehen uns diesen Vorgang aber nicht ein sondern schieben alle möglichen Begründungen vor — denn wir wollen ja, auch vor uns selbst, nicht als Vernachlässigte, Gekränkte sondern als Überwinder dastehen.

Diese inneren Vorgänge beschränken sich auch nicht auf die großen Veränderungen, sondern finden tagtäglich statt und bestimmen hauptsächlich über unsere Stimmung und Laune. Einer üblen Laune ging fast immer eine Kränkung voran, einer heiteren fast immer Lob und Anerkennung — wenn auch oftmals nur in unseren inneren Zwiegesprächen, Erinnerungen und Fantasien. Und welch feinfühlige Seismographen sind wir in dieser Kunst! Die leiseste Andeutung, von der kein Beobachter Böses fürchten würde, löst vielleicht eine Lawine aus, unsere heitere Stimmung ist dahin, wir werden böse, zornig, der eine schimpft und schlägt, der andere bockt, der dritte vergräbt‘s in seiner Seele, wo es Tage, manchmal Jahre zur Zersetzung braucht. Wir meinen, manche seien schnell gekränkt und schieben es auf Schwäche und wenig Selbstbewusstsein; andere, die sich nach außen immer gleich verhalten, gelten für stark und in sich ruhend. Tatsächlich aber sind wir in diesem Punkte alle ziemlich gleich: sensibel für das kleinste Lüftchen, von dem sich unser Befinden — und mit diesem unsere Sympathie — in jede Richtung blasen lässt.

Wir verhandeln um Rechte und Pflichten, im eigenen Hauswesen, bei der Arbeit, in der Politik, wir streiten um Besitz und klagen an, man hätte unser Vertrauen missbraucht — in Wahrheit aber geht es überall um nichts als um die Ehre: Wurden wir geachtet oder übergangen, hat man sich, aus Geringschätzung, an dem Unsrigen bereichert, will man uns Pflichten aufdrücken, um uns zu schwächen?

In unseren täglichen sachlichen Disputen karren wir Wagen voller Argumente an, warum dieses Ding besser sei als jenes, die eine Handlung gerechter als die andere, dieses Kunstwerk schöner, der Schauspieler K. witziger, der Wein B. edler, warum hier die Wahrheit auf dem Spiel stehe, dort das Wohl der Gesellschaft, das Ansehen der Wissenschaft, die Menschlichkeit, die Ehre Gottes. Wir könnten uns kürzer fassen und einfach sagen: Ich will mit meiner Ansicht vor euch glänzen und mich in keiner Weise herabsetzen lassen.