DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

28. Februar 2010

Das große moralische Problem der Menschheit, vor dem jeder in seinem Leben unzählige Male steht, ist: wie soll ich handeln, was ist das Gute, wovor muss ich mich hüten, was macht die Sünde aus? Nach dem bisher von mir Vorgetragenen müßten diese Fragen allerdings direkter und konkreter gestellt werden. Nicht: Was ist gerecht? sondern: Wem will ich gefallen, auf wessen Lob und Achtung kommt es mir an, vor wessen Verachtung und Rache, vor wessen Feindschaft fürchte ich mich? Nicht: Was ist gut? sondern: Wer soll mich lieben? Der Politiker also: Ist mir die Zuneigung des Volkes wichtiger oder die der Wohlhabenden oder des Militärs? Der Privatmann: Ist mir die gute Gesinnung der Vorgesetzten wichtiger oder die der Kollegen, vor wessen Missgunst fürchte ich mich mehr? Ist mir der häusliche Friede wichtiger oder das heiße Verlangen der Geliebten? Glaube ich, mit dem teuren Sportwagen und der Luxusjacht mehr zu gewinnen als ich verliere, weil ich mir die Neider zu Feinden mache?

Ich weiß nicht ob unsere moralischen Konflikte durch solche direkteren Fragen einfacher würden, aber zumindest würden wir wahrhaftiger und ehrlicher auf die Sache zugehen, statt uns in konfusen Abstrakta wie Gerechtigkeit, Menschenwürde und der Idee des Guten zu verlieren.

Grundsätzliche Schwierigkeiten bleiben in jedem Falle, etwa weil wir es selten bloß einem recht machen, sondern es mit möglichst wenigen verscherzen wollen. Da sie jedoch unterschiedliche Interessen haben, stehen wir in der Bredouille und können nicht alle befriedigen.

Außerdem lassen sich solch individuelle Erwägungen kaum zur moralischen Begründung und Rechtfertigung unseres Handelns heranziehen. Es macht sich schlecht zu sagen: Ich wollte eben diesem hauptsächlich gefallen, weil mir seine Gunst wichtiger war als die des andern. Da leistet immer ein moralisches Gesetz und die Berufung auf Sitte und Anstand, Gerechtigkeit und Menschlichkeit einen besseren Dienst — weil so das persönliche Anliegen hinter der Maske des Allgemeinen verborgen bleibt.