DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Februar 2010

Philosophen gelten als Freunde der Wahrheit, tatsächlich aber sind sie hauptsächlich Freunde des Ansehens und des Ruhmes — so gut wie alle anderen Menschen auch. Zwar will ich nicht sagen, daß die Trefflichen unter ihnen ihre Wahrheiten nur gerade so hinbögen, um Aufsehen zu erregen und gut herauszukommen; warum sie aber überhaupt auf die Wahrheitssuche gehen und darüber auch noch Werke verfassen, das ist in erster Linie ihrem Durst auf Anerkennung zuzuschreiben. Wenn es nur um die Wahrheit selbst ginge, könnten sie diese ja für sich behalten und in ihrem Genusse selig werden — anstatt sie vervielfältigt hinausposaunen und mit Gott und der Welt darüber streiten. Sie suchen die besten Worte, Beweise, schöne Beispiele und Zitate, ohne daß all dies ihre gefundenen Wahrheiten besser machte, einzig um Eindruck zu machen, zu gefallen — und also Ruhm zu ernten.

Sie sind aber deswegen nicht zu tadeln, denn sie tun was alle tun, die sich, in Hoffnung auf Lob und Anerkennung, bemühen, schöne nützliche Dinge hervorzubringen, wie Bäcker ihr Brot, Köche ihren Braten, Tischler ihren Tisch, Konstrukteure ihre Maschine, Maler ihr Bild, Regisseure ihren Film, Soldaten ihren Kampf, Staatsmänner ihre Regierung. Ebenso rüsten die Philosophen ihre Wahrheit aus mit allem Schmuck der Argumente, beleuchtenden Vergleichungen, Gliederung der Gedankengänge, logischen Figuren, beizitierten Autoritäten, wiederlegten Widersachern, ausgesonnenen Metaphysiken, anempfundenen Mystiken, um sie dem Hörer schmackhafter zu präsentieren, um selbst besser bewundert und gerühmt zu werden — auf daß alle am Ende ihre Rechnung finden.