DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. Februar 2010

Hume meint, daß die Tugend der Gerechtigkeit nur hinsichtlich unserer materiellen Güter gebraucht würde, daß in einem Schlaraffenland, wo die Natur jedem von allem genügend böte, sie vollkommen überflüssig wäre.

Dies ist aber keineswegs der Fall. Gerechtigkeit regelt nicht nur die Verhältnisse der Menschen hinsichtlich ihrer materiellen Güter, sondern, und sogar hauptsächlich, die Verhältnisse ihres Ranges. Meist sind sogar die materiellen Güter nur Stellvertreter für das eigentliche Problem, nämlich Wahrung oder Erhöhung der Ehre und des Ranges. Zwar wird in den meisten Gerichtsverhandlungen um Geld und Rechte an Gegenständen gestritten, doch in Wahrheit geht es um die Ehre. Der Kläger fühlt sich übervorteilt und will also sein Recht — d.h. Genugtuung, um seine Ehre, seinen Rang wiederherzustellen; der Beklagte aber will nichts davon verlieren. Das angebliche Streitobjekt dient fast nur als Vorwand, ist das Mittel, um die Sache handreiflich zu machen, weil über Rang und Ehre ja ungleich schwieriger zu entscheiden ist.

Wären uns auch alle äußerlichen Güter in Überfülle gegeben, so würden die Menschen doch kleinere und größere Gemeinschaften bilden, innerhalb derer sie höchst besorgt wären um ihre Autorität, Anerkennung und den gehörigen Respekt. Schon Kinder würden Gruppen bilden und streiten, wie viel wer zu sagen hat, es gerecht oder ungerecht finden, daß einer angibt, welches Spiel man heute spielen soll. Paare würden Familien gründen und täglich darum ringen, wie die Kinder erzogen, wie die Wohnung gebaut und eingerichtet und wer welche Arbeit zu verrichten habe, und stets würde dabei um die Gerechtigkeit gerungen. Denn irgendwelche Arbeiten muss der Mensch immer verrichten, und selbst wenn die Natur die materiellen Güter in Überfülle böte, würde der Mensch doch noch ständig etwas organisieren, herstellen, pflegen, gestalten wollen. Wäre er tatsächlich wunschlos glücklich, dann freilich bräuchte man sich über Tugend gar nicht mehr zu unterhalten, denn keiner könnte dem anderen ferner nützlich sein, noch in irgendeiner Weise gefallen, da ja alle bereits ihr höchstes Glück genössen.

Aber bis dahin jedenfalls sind die materiellen Güter nicht der einzige Anwendungsbereich der Gerechtigkeit, weil diese, im Gegenteil, hauptsächlich den Rang unter den Menschen regeln soll; im Dienste dieses Ranges auch den Besitz materieller Dinge — aber nur zum kleineren Teil den Besitz der materiellen Dinge um ihrer selbst willen.