DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. Februar 2010

Hume meint, Tiere und Pflanzen könnten sich in mancher Hinsicht gar nicht unähnlich dem Menschen verhalten, nützen oder schaden, berauben oder ums Leben bringen, und doch würden sie deswegen niemals Objekte der Liebe, des Hasses, als verdienstvoll oder verwerflich angesehen, und niemals würde man sie moralisch beurteilen. Ein junger Baum, der über den Mutterstamm emporwächst und ihn zum Absterben bringt, verhält sich genauso wie Nero, als er die Agrippina ermordete — wird aber schwerlich dafür als Verbrecher bezichtigt und gehaßt.

Ich würde aber das moralische Urteil nicht soweit entfernt vom sachlichen sehen. Wenn wir etwa anhaltend von Stechmücken geplagt werden oder von Mäusen und Ratten, so entwickeln wir eine Abneigung gegen diese Störenfriede, die sich nicht sehr davon unterscheidet, was wir gegen unmoralische Menschen empfinden. Sie werden zu regelrechten Feinden wie Diebe die uns überfallen, Erpresser die uns drohen, Sittenstrolche die unsere Kinder ängstigen. Selbst Pflanzen, wenn sie als Unkraut unseren Park oder die Ernte bedrohen, werden zu bösen und verhaßten Widersachern. Wenn Unwetter oder Naturkatastrophen unser Lebenswerk vernichten, so müssen wir uns geradezu zwingen, es dem unabänderlichen Schicksal oder der höheren Weisheit Gottes zuzuschreiben, um nicht im Haß auf die böse Naturkraft unsere Seele zu zermürben.

Ich glaube, der Grund weswegen wir die schädlichen Naturakte nicht geradezu moralisch verurteilen, liegt nur darin, daß die Vernunft uns zurückhält und sagt: Wir können bei diesen Feinden mit moralischem Druck nichts ausrichten, sie verstehen unser Fluchen nicht, es beeindruckt sie nicht, wenn wir ihnen moralische Schlechtigkeit vorwerfen, also mit Verstoßung aus der Gesellschaft drohen — auf deren Mitgliedschaft sie gar keinen Wert legen. Obwohl mancher sie dennoch verflucht, sehen die Vernünftigen ein, daß es keinen Zweck hat und man sich nur lächerlich macht.