DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Februar 2010

Egoismus nennen wir das uns in irgendeiner Weise Schädliche, Bedrohliche, Feindliche; d.h. weil wir selbst Egoisten sind und auf unseren Vorteil achten, verurteilen wir den Egoismus der andern, da er unsern eigenen Vorteil beschneidet.

Daß wir den Egoismus aber von vornherein als etwas Schlechtes ansehen, noch ohne in irgendeiner Weise von einer solchen Handlungsweise betroffen zu sein, daß „Egoismus“ ein Schlagwort, ja ein Schimpfwort ist, daran mag wohl die Erziehung und die tradierte Kultur einen wesentlichen Anteil haben. Der Beigeschmack, den solche Worte wie Egoismus, Eitelkeit, Selbstherrlichkeit, Grausamkeit, Geiz, Falschheit usw. an sich tragen — und zwar als Begriffe, ja schon als bloße Worte, die vielleicht nur die Person eines Romans betreffen oder wir sie nur im Vorbeigehen ohne jeden Zusammenhang vernehmen — dieser Beigeschmack hat nicht immer mit unserem konkreten Nachteil zu tun, sondern mag weitgehend auf Assoziation durch Gewohnheit beruhen — wie im übrigen andere Assoziationen auch, welche durch alle möglichen Worte erzeugt werden wie hell, dunkel, sauer, süß, schön und häßlich.