DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. Februar 2010

Hume meint, daß viele Charaktereigenschaften grundsätzlich gefielen und gelobt würden, egal wem sie zugehörten oder zu wessen Vorteile sie gereichten: Außer Besonnenheit, Vorsicht, Tatendrang, Fleiß, Beharrlichkeit, Genügsamkeit, Sparsamkeit, Takt, Klugheit, Unterscheidungsgabe, außer diesen Gaben sage ich, deren bloße Erwähnung schon zur Anerkennung ihrer Schätzbarkeit nötigt, gibt es noch viele andere, denen auch der entschlossenste Skeptizismus nicht einen Augenblick lang den Tribut des Lobes und der Billigung vorenthalten kann. Von Mäßigkeit, Nüchternheit, Geduld, Standhaftigkeit, Ausdauer, Bedachtsamkeit, Überlegung, Verschwiegenheit, Ordnung, Liebenswürdigkeit, Beweglichkeit, Geistesgegenwart, rascher Auffassungsgabe, Gewandtheit im Ausdruck und noch tausend ähnlichen Dingen wird nie jemand bestreiten, daß sie hohe Gaben und Vorzüge seien.

Aber alle diese Eigenschaften, so sehr wir sie loben und bewundern, wenn wir sie an Freunden, uns angenehmen oder nützlichen Personen bemerken, so wenig schätzen wir sie an unsympathischen, wo sie nur unseren Neid erregen, und verfluchen sie gar, wenn ein ausgemachter Bösewicht mit ihnen ausgestattet ist. Denn seine Bosheit und Niedertracht wird dadurch verfeinert und raffiniert und also nur umso abscheulicher. Gar manche, die als schlimmste Tyrannen und Menschenschänder unserer Geschichte gelten, waren ganz vorzüglich mit solchen Gaben bedacht. Sie wurden zwar von ihren Anhängern deswegen bewundert und geliebt; die vielen jedoch, die unter ihrer Grausamkeit gelitten, und auch die heutigen Betrachter, die den Schaden, den sie angerichtet, überblicken, finden sie gerade wegen ihrer Talente nur desto ekelhafter und perfider.

Wir sehen daraus, daß diese Charaktereigenschaften, so schön sie an unseren Freunden glänzen, an unseren Feinden jedoch einen üblen Geschmack annehmen und deswegen, in moralischer Hinsicht, zunächst neutral sind, mithin, als bloße Werkzeuge, zum Guten wie auch zum Bösen eingesetzt werden können. Keineswegs aber sind sie lobenswert an sich. Am Ende zählt nur: Stehen wir auf der gleichen Seite, dann werden wir loben; wenn aber auf der anderen, dann schelten.