DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. Februar 2010

Die Kontrahenten des Sokrates sagen: Wer nur stark genug ist, kann sich alles erlauben und findet darin sein Glück; und dann folgen jedesmal lange Ausführungen des Sokrates, warum ein noch so Mächtiger nicht glücklich werden könne, wenn er nicht dem Weg des Guten, der Tugend und der Weisheit folge.

Hat sich aber Platon — und die vielen, die ihm, oder den Kontrahenten, gefolgt — in dieser Frage überhaupt mit einem wirklichen Problem befaßt oder nicht bloß mit einer philosophisch konstruierten Chimäre? Es handelt sich wohlgemerkt nicht um die Frage, ob man Tyrannen dulden oder stürzen soll, sondern ob sie glücklich seien, ob es erstrebenswert sei, einer zu sein. Wenn es aber solche Tyrannen, die so stark sind, daß sie sich alles erlauben können, niemals gegeben hätte und auch nicht geben könnte, so wäre das Problem, auch ohne breite Ausführung, doch ein für allemale gelöst.

Zwar gab es Tyrannen, die vielen Leuten Ärger machten, aber auch sie konnten nicht tun was sie wollten, sondern wollten und mußten denen gefallen, die gehorchen sollten — oder mußten sie zwingen; dazu aber mußten sie den Antreibern und Wächtern gefallen, damit diese den Zwang für sie ausübten. Wenn ein Tyrann dennoch zu willkürlich, zu unberechenbar vorging und der Allgemeinheit großen Schaden anrichtete, so fand sich immer bald eine Gegenpartei, die ihn zum Teufel jagte. Denn die Gegenpartei konnte dann leicht viele Unzufriedene für sich gewinnen — und war also stärker.

Deswegen wird sich letztlich immer nur der halten können, der eine genügende Anzahl hinter sich schart, und dieser muß er gefallen, muß ihr genügend Anteil lassen an den Gütern, muß ihr schmeicheln und zu Diensten sein, kann sich nichts ihr Nachteiliges erlauben — und die Übrigen, denen er nicht gefällt, hat er ständig zu fürchten, denn wenn er sie im Elend läßt oder ungerecht behandelt, wird dies sofort zum Aushängeschild einer gegnerischen Partei, die versucht, ihn aus dem Sattel zu heben.

Insofern hätte Sokrates recht: Der Starke, der sich alles erlauben kann, ist nicht glücklich — aber nur, weil es ihn überhaupt nicht gibt und niemals geben wird.