DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. Februar 2010

Was Platon meint mit: Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden, läßt sich mit unseren Betrachtungen leicht nachvollziehen: Unrecht tun macht verhaßt, bringt uns um alle Achtung und Liebe, und dieser Nachteil bedrückt gemeinhin mehr als die Dinge beglücken, die wir uns mit dem Unrechttun verschaffen können.

Selbst die Macht, die wir mit unrechter Gewalt erlangen, bringt nur bedingten Genuß, denn sie beruht auf der Angst des Unterdrückten und beschert uns demnach mehr Wut und Haß als Anerkennung und Liebe. Es ist nicht Achtung sondern Furcht, was den Gewalttätigen oben hält.

Wer hingegen Unrecht leidet, hat zwar konkreten Schaden, wird seines Hab und Guts beraubt oder gar seines Lebens, aber sein Ruf und Ansehen bleibt unbeschädigt, ja steigt gar bis zur Verehrung des Märtyrers.

Freilich ist nicht jeder geneigt, seiner Eitelkeit so vieles zu opfern, denn Brot und körperliche Unversehrtheit haben schließlich ihren Reiz; doch in dem Maße einer gut sein will, d.h. gelten will, in dem Maße werden ihm die ideellen Güter mehr bedeuten, als die materiellen, und er wird also lieber Unrecht leiden als Unrecht tun.

Wer eine Strafe verbüßt, wer überhaupt gelitten hat, hat sich damit einen erheblichen Vorteil eingehandelt. Stand er in anderer Schuld, so ist diese bezahlt, ward er beneidet wegen der Privilegien, die er sich ergaunert, so ist der Neid verflogen und womöglich einer warmen Anteilnahme des Mitleids gewichen. Es folgt die Anerkennung der Tapferkeit, mit welcher er seine Leiden durchgestanden, daraus Achtung und womöglich Liebe. Deswegen meint Plato, daß gerechte Strafe leiden schön sei und selbst ungerechte Strafe leiden schöner, als zu unrecht nicht bestraft werden.

Aber gerecht und ungerecht, schön und häßlich sind Kategorien des Gefallens und also nicht absolut; sie hängen an der jeweiligen Kultur, an der Epoche, am Landstrich und nicht zuletzt an Stimmung und Laune.