DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Februar 2010

Unsere hauptsächliche Sorge ist, wie wir bei andern dastehen — und zwar selbst bei denen, die nur in unserem Kopfe herumschwirren, denen wir vielleicht nie begegnen werden, von denen wir, jedenfalls real, weder etwas zu erhoffen noch zu befürchten haben. Der beste Beweis sind unsere Testamente, über die wir niemals im Leben Rechenschaft abzulegen brauchen, und doch kann sich einer viele Jahre mit dem seinen plagen.

Aber selbst noch die, die kein Testament machen, tun dies, weil sie — als Tote — in nichts hineingeraten wollen, weil sie hoffen, daß mit der gesetzlichen Regelung die Angelegenheit durch eine höhere Macht entschieden, ihr Ansehen am unbescholtensten fortdauern werde, und fürchten, daß wenn sie eigene Verfügungen träfen — was ja nur zu des einen Nachteil und eines andern Vorteil gereichen könnte — sie sich den Haß des ersteren zuzögen.