DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

28. Januar 2010

Viele haben versucht, die Moral ihres märchenhaften oder göttlichen Gewandes zu entkleiden, sie auf Nützlichkeit oder gar auf bloßen Egoismus zurückzuführen. Die Begründungen schöpften sie hauptsächlich aus der Vielheit und oft Gegensätzlichkeit moralischer Werte in unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Manche gingen so weit, die Moral als ein bloßes Produkt der Ängstlichkeit der Schwachen herabzusetzen, die aber den Starken nichts angingen, da er andere Mittel zu größerem eigenen Vorteile fände. Derartige Positionen finden wir bereits bei den Kontrahenten des Sokrates in Platonischen Dialogen. Diese Kallikles, Thrasymachos etc. tragen vor, daß der Starke sich nicht um Recht und Gesetz zu kümmern brauche und über die Meinung der Menge hinwegsetzen könne, um seinen Vorteil zu erlangen. Der weiteren Beispiele sind unzählige, die sich durch die ganzen Literaturepochen ziehen bis zu de Sade und Nietzsche und einem Raskolnikow, den Dostojewski aber scheitern läßt.

Meine Position ist, daß zwar grundsätzlich und in der Theorie nicht falsch ist, daß der Starke sich um Moral nicht zu kümmern bräuchte, die Sache aber den Hacken hat, daß es einen solchen Starken nicht gibt. Denn zum einen sind selbst Tyrannen sehr abhängig von ihren Gehilfen und letztlich vom ganzen Volk, das ja die Arbeit verrichten muß, um die Projekte des Tyrannen zu realisieren, das gehorchen muß, um ihn in den Genuß der Macht zu bringen; zum andern aber, weil sich das Wohlergehen des Menschen nicht allein aus materiellen oder als gegenständlich zu beschreibenden Vorteilen herleitet, sondern auch, und zum größeren Teil, aus der Anerkennung und Billigung, die er bei seinen Mitmenschen findet. Es gibt den Tyrannen nicht, der auf keines Menschen Meinung wert legte. Er will sich wenigstens einbilden, daß viele ihn achten, seine Größe und Fähigkeit bewundern — was aber voraussetzt, daß er Dinge tut, die ihnen gefallen, zu ihrem Vorteile sind. Es kann also keinen Menschen, nicht einmal einen Tyrannen geben, der nur an seinem eigenen materiellen, dinglichen Vorteile glücklich würde, denn er müßte dann gleichgültig darüber sein, daß alle übrigen ihn hassten, was aber, wie gesagt nicht möglich ist, denn das Hauptinteresse des Menschen ist die Anerkennung durch andere.

Um dieser Anerkennung Willen muß er Gutes tun, d.h. er muß andern in materiellen, greifbaren Dingen nützlich sein und zwar ohne Gegenleistung durch ebensolche Dinge — denn das wäre ja nur ein gewöhnlicher Handel. Er verzichtet vielmehr auf diesen Ausgleich und bringt also Opfer — allerdings nur, um dafür in anderer Münze recompensiert zu werden, nämlich der Anerkennung. Dies ist das eigentliche Geheimnis des Moralischen, und dem kann sich keiner dauerhaft entziehen. Zwar mag einer, in einem Anfall von Gier, sich ohne Rücksicht für sein Ansehen auf einen dinglichen Genuß und Vorteil stürzen und also den reinsten Egoismus praktizieren, aber auf die Dauer wird er nicht davon satt werden, weil er dabei die Achtung und Anerkennung der andern verspielt.