DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. Januar 2010

Auch in der Moral entscheidet der Erfolg. Dies steht in sicherer Beziehung zum Tugendbegriff der Alten, welche viel mehr darunter faßten als bloße Nächstenliebe. Auch finden wir es bei Hume in seiner Schrift: Über gewisse Wortstreitigkeiten.

Vermutlich, wenn man lange genug das Moralische, das Bewegende, Rührende menschlicher (z.T. auch tierischer) Handlungen betrachtet und versucht, auf ihren Grund zu kommen, so findet man schließlich, daß alles dazu gehört, was andern irgendwelchen Nutzen bringt. Das „anderen Dienen und Nützen“ ist der springende Punkt. Wieviel Selbstlosigkeit und Opfer dahintersteht wird am Ende unbedeutend, es ist eine christliche Färbung und Forderung, die aber weder in anderen Kulturkreisen, etwa im Altertum, noch in unserer Lebenswirklichkeit zählt.

Einer der viel geleistet und viel für andere erreicht hat, hat sich damit Ansehen erworben und rührt die Gemüter, die seiner Taten gedenken. Wie weit er dabei selbst auf seine Kosten gekommen, reich geworden, Ehre genossen, spielt letztlich keine Rolle mehr. Nicht einmal ob er es aus wahrer Nächstenliebe getan – die Seele voller Mitleid mit den Bedürftigen – geht am Ende in die Rechnung ein. Was zählt ist, was er geleistet.

Selbst die gute Absicht, so oft als das eigentlich Moralische hervorgekehrt, wenn sie ohne Erfolg geblieben, kann kaum mehr als eine Entschuldigung des Versagens sein aber nicht zur Anerkennung moralischer Verdienste führen. Sie wird allenfalls unser Mitleid rühren: „Der Arme, er hat doch alles versucht, hat sich geopfert und ist doch gescheitert.“ Aber selbst hier wird noch gemessen an dem, was er vorübergehend zustande gebracht, was sein Potential gewesen, was bloß durch die widrigen Umstände vereitelt worden. Einer, der nie etwas zustande gebracht und bloß guten Willen und Opferbereitschaft gezeigt, sich vielleicht tatsächlich geopfert aber keinen Nutzen gestiftet, quasi seine stets nutzlosen Dienste aufgedrungen hat, der wird verachtet als ein lästiges Insekt, und unserer Mitleid mit ihm ist von entschiedenem Ekel durchsetzt.

An all dem haben im Grunde christliche Werte und Maximen nichts geändert. Man führt sie im Munde, aber eigentlich nur, um andere im eigenen Sinne abzurichten. Sie sollen aus Nächstenliebe handeln statt um ihres Gewinnes oder ihres Ruhmes Willen, sie sollen ihre Linke nicht wissen lassen, wenn die Rechte ein Almosen gibt und sollen nur auf Gottes Lohn in der anderen Welt vertrauen. Dahinter steckt die Berechnung, daß einer, der nur anderer Wohl im Sinne trägt und nicht zugleich sein eigenes, auch seine Kräfte ungeteilt dahin verwendet, während der andere noch für sich selbst abzweigt. Man lobt deswegen die Selbstlosigkeit und hält das Opfer hoch. Nichtsdestoweniger zählt am Ende der Erfolg, d.h. wieviel Vorteil für die andern tatsächlich herausgekommen. Was dabei für den Handelnden selbst abgefallen ist, und ob er sich tatsächlich geopfert hat, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Man sagt: Aber der Märtyrer, er ist doch gut vor allem wegen seines Opfers und wird verehrt, auch wenn sein Opfer keinen Nutzen gebracht! Er hatte aber sehr wohl seinen Anhängern und Gemeinden Nutzen gebracht und bis zum letzten Zuge für sie gestritten, den Glanz der Tapferkeit und Willensstärke über sie gebreitet, in dem sie sich nun rühmen: „Seht, ein solcher war einer der Unsrigen!“ und in diesem Spannungsfeld zwischen seiner Leistung und seinem Leiden steigt er zur Größe auf. Hätte er nichts geleistet und eben nur so, im Rahmen einer Christenverfolgung, den Tod gefunden, so hätte er kaum mehr Mitleid erfahren als andere, die in großen Haufen gestorben, und erst recht würde er keine Verehrung genießen.

Andererseits rührt am meisten, wenn Menschen an anderen Menschen Anteil nehmen — vor allem zuzusehen, wie einer geehrt wird. Das rührt unmittelbar zu Tränen: am Grabe bei der Leichenrede, sei es wenn über andere gut gesprochen wird, sei es bei Ehrungen und Preisverleihungen und den entsprechenden Lobreden.

Die gute Tat wird nach ihrer Nützlichkeit bemessen, aber das Rührende am ganzen Moral- und Verdienstwesen ist der Vorgang, wenn andere solche Verdienste honorieren, Achtung, Verehrung, Liebe bezeugen. Die Verdienste selbst rühren uns bei weitem weniger als anzusehen, wie sie bei andern Liebe und Achtung ernten; da fließen die Tränen und wird das Herz erwärmt.