DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. Januar 2010

Der Mensch sorgt sich um sein Ansehen in den irrwitzigsten Fällen und Gelegenheiten. Er fürchtet sich, einen zu kränken, weil dieser ihm dann feindlich gesonnen wäre, auch wenn er nicht damit zu rechnen hat, den Menschen jemals wieder zu sehen. Es sorgt ihn, wie die Nachwelt von ihm denken wird, auch wenn er dann nichts mehr von ihr zu leiden braucht. Und selbst die Meinung derer, die er gar nicht kennt und, im Falle des Nachruhms, niemals kennen wird, kann ihm die Hauptmasse seiner Lebenskräfte binden. Und so verkehrt sich dies anhört und so wunderlich sich Beispiele vernehmen, wenn sie in dieser Deutlichkeit beleuchtet werden, so natürlich scheint es mir, wenn ich andererseits sehe wie mein Hund beim Spaziergang an allen Ecken seine Marken setzt, obschon er keinen der andern Hunde kennt, die er damit zu beeindrucken sucht. Es ist des Hundes Instinkt, ein Revier abzustecken, auch wenn er die Gegend noch nie gesehen hat und niemals wieder betreten wird — und er denkt über sein Tun vermutlich so wenig nach als gewöhnlicherweise der Mensch.