DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. Januar 2010

Habt acht auf eure Almosen,…

Habt acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.

Der Sinn dieser Ermahnung ist, aus menschlicher Sicht, leicht zu fassen: Wer mit seinen „Guten Taten“ zwar andern nützt aber auch gleich den Ruhm und die Dankbarkeit einfordert, verdrießt letztlich mehr als er Vorteil bringt. Dank und Lob geben sie nur freiwillig gerne — denn sie wollen sich dieselben ja wiederum als Tugend, als Großzügigkeit angerechnet sehen, was nicht geschehen könnte, wenn damit nur eine Schuld bezahlt würde.

Deswegen, um sich nicht unbeliebt zu machen, soll man nicht mit seinen guten Taten prahlen, sie nicht gegen andere herauskehren oder bei Gegenforderungen in Anschlag bringen. Es ist vielmehr weise, sich bescheiden zurückzuhalten, als habe man gar nicht bemerkt wie man Gutes getan, denn dieses macht uns beliebt, das andere verhaßt, dieses spricht den Andern jeder Verpflichtung frei, und gerne wird er uns dafür achten und loben; das andere lädt im sein Schuldenkonto auf, denn es heißt: „Ich habe Dir Gutes getan, was gibst Du mir dafür?“ Das wird ihn nicht gut gegen uns einstimmen, und also ist ratsamer, den geleisteten Dienst unter den Teppich zu kehren und zu tun als sei er nicht der Rede Wert und habe man ohne jede Absicht und fast ohne Wissen gut gehandelt — eben aus reiner Liebe und Selbstlosigkeit.

Weil der Mensch aber doch nichts umsonst geben und seine „Gute Tat“ nicht ungesehen tun will, so muß er sich zuweilen, wenn sie gar nicht von selbst ans Licht kommen will, trösten in seiner Phantasie, wo er sich die Enthüllung und die Lobenden vorstellt, oder in dem Glauben, daß sie einstweilen von Gott gesehen und von ihm ein späterer Lohn garantiert sei.