DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. Januar 2010

Des Menschen Streben geht in zwei entgegengesetzte Richtungen: Die eine ist, er will gefallen, die andere, er will frei sein und sich selbst bestimmen. Zum Gefallen muß er anderen dienen, nicht widersprechen, nach ihren Werten leben, sich ihren Launen fügen, mehr geben als nehmen. Sein Freiheitsdrang aber will dieses Joch abschütteln, will nicht mehr auf die Leute hören, nicht mehr zittern vor den Vorwürfen und Verwünschungen seines Weibes. Doch macht er sich dadurch notwendig unbeliebt, denn er beschneidet die Macht der anderen, die nun weniger über ihn können. Indem er auf ihr Lob, ihre Liebe und Achtung verzichtet, entwertet er die Münze, mit der sie ihn bisher dienstbar hielten. Er diente, sie lobten. Wenn er nun dieses Verhältnis kündigt, so sparen sie zwar ihr Lob, aber sie werden auch nicht mehr bedient, können nicht mehr bestimmen, verlieren ihre Macht. Das werden sie nicht mit Wohlwollen und guter Laune begleichen.

Weil dieser Vorgang des Loslösens neben dem Gewinn an Freiheit auch den Verlust an Liebe und Achtung mit sich bringt — die dem Menschen ebenso wichtig oder wichtiger sind — wird sich die Loslösung immer nur partiell oder versuchsweise vollziehen, bald wird er freiwillig wieder zur Dienstbarkeit zurückkehren, um wieder in den Genuß ihrer Achtung zu kommen. Es ist dies wie in jedem Dienstverhältnis: Um des Brotes Willen erträgt der Abhängige so manche Tyrannei, doch einmal wird es ihm zu bunt, er läuft davon und versucht sich eine Zeit lang aus eigenen Mitteln durchzuschlagen. Irgendwann aber sucht er wieder einen neuen Lohnherrn.