DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. Januar 2010

Höflichkeit, Fürsorge und Mitgefühl sind schöne Tugenden, die aber zu neun Zehntel nicht aus wirklicher Anteilnahme am andern, sondern aus der Angst ihn zu vergrämen, sich den Ruf des Gefühlskalten und also Feindschaft zuzuziehen, entstehen.

Selbst die Sorge um Gedeihen und Fortkommen der eigenen Kinder beruht vielfach bloß auf der Sorge, wie wir vor andern dastehen, denn als Träger unseres Erbgutes gelten sie für Repräsentanten unserer selbst, und all ihre Tugenden und Laster, meinen wir, fielen auf uns selbst zurück. Von wenigen Anwehungen echten Mitgefühls abgesehen, ist uns das tatsächliche Befinden unserer Kinder ziemlich gleichgültig. Wir wollen, daß es ihnen gut gehe, weil wir dann als gute Eltern dastehen, erfolgreich sollen sie sein, daß wir in ihrem Erfolge mitglänzen — und daß wir nicht fürchten brauchen, sie könnten auf unserer Tasche liegen bleiben. Keinesfalls sollen sie sich umbringen, denn das würde auf ein schwächliches Erbgut und Vernachlässigung unserer Erziehungs- und Fürsorgepflichten deuten.