DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. Januar 2010

Daß Jesus von den Juden nicht geliebt und schließlich gekreuzigt wurde, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Wenn sich einer bis zu diesem Grade für etwas Besseres ausgibt, nämlich für den direkten Sohn Gottes, dazu bestimmt, an seiner Seite zu sitzen und das Universum zu regieren, dann ist das schon für gewöhnliche Menschen kränkend, aber wenn er sie dann noch unablässig anklagt, ihre Fehler — oder was er dafür ausgibt — zu Sünden mystifiziert und behauptet, sie könnten nur davon erlöst und ins Himmelreich gelangen, wenn sie ihm nachfolgten, ihn als Gott verehrten, dann muß das in Wut und Haß umschlagen.

Schon wenn uns Esoteriker und Sektenanhänger belehren wollen, daß sie auf dem einzig rechten Wege wandelten und durch ihre Lehre ihrer Sorgen ledig geworden seien und uns überreden wollen, dasselbe zu tun, machen sie sich lästig und verhaßt, weil sie sich immerfort als etwas Besseres darstellen und uns herabstufen als welche, die noch nichteinmal aufgebrochen und also von diesem Besseren keine Ahnung hätten.

Auch wenn Gläubige bei jeder Gelegenheit hervorkehren, wie sie unter dem Schutz ihres Gottes stünden, unbekümmert durchs Leben gingen, seitdem sie ihren Glauben angenommen, und dann noch behaupten, die Ungläubigen müßten leider am Paradiese draußen bleiben, während sie ein ewiges Glück genössen, dann fängt es in der Brust des Ungläubigen allmählich an zu brodeln, denn er muß sich ja vorkommen, als sei er von diesen Erwählten und Erleuchteten geradewegs zu einem Nichts herabgestuft.

Würde er ihnen auch, um es nicht mit ihnen zu verderben, ihren Glauben lassen wollen, so könnte sein Ehrgefühl doch kein ruhiges Zusammenleben zulassen, er muß sie hassen und auf irgend eine Rache sinnen. Meist werden, in unseren Tagen, daher die Gläubigen als naive Träumer, Hinterwäldler, Zurückgebliebene verspottet; man läßt ihnen ihren Glauben wie man den Dummen ihre Dummheit läßt.

Solange sie ihren Glauben nur in ihren Gemeinden praktizieren, in ihren Gebetshäusern und Kirchen die Zeremonien feiern, fällt es auch nicht schwer, sie zu dulden. Sobald man aber in Diskussionen gerät und sich ihrer Missionierung aussetzt, bleiben nur zwei Wege: entweder man schließt sich ihnen an und wird also selbst ein Auserwählter, der auf den Rest der Welt herabsieht, oder man wird sie hassen als Anmaßende, Hochmütige, weil man sich durch ihre Anmaßung und ihren Hochmut beleidigt sieht.