DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Januar 2010

Ich bin durchaus ein Freund der Metaphysik, halte Gott und geistige Urgründe der Welt für erbauliche Vorstellungen, mag lieber glauben, daß ein allweiser und gütiger Schöpfer hinter den Dingen steckt — und nicht bloße tote Materie, allein belebt durch das Wirkensprinzip des blöden Zufalls.

Dies gilt jedenfalls solange es sich dabei um den Ursprung der Welt, die Vernünftigkeit und Sinnerfüllung unseres Daseins handelt.

Aber in der Moral, wo Kant und Schopenhauer versichern, daß die Metaphysik zur letzten Erklärung und Begründung unerläßlich sei, da eben scheint mir keine Notwendigkeit dazu. Das Moralische kommt mir überall als eine gar weltliche Angelegenheit daher, und wenn es mit Gott und Metaphysik begründet wird, scheinen mir auch dabei meist weltliche Interessen hervorzulugen.

Wohl ist auch das Moralische, wie alles Übrige, ein Werk des Allmächtigen, ist eine Naturkraft wie Magnetismus und Gravitation — doch eben deshalb der Gottheit nicht wichtiger oder einzigartiger als andere Wirkungen in der unendlichen Natur. Dies ist es nur für den Menschen, weil er daraus seine stärkste Waffe im Kampf um Geltung und Ansehen schmiedet, die schlimmsten Verwundungen durch Streiche seiner Konkurrenten einsteckt.

Für die Götter ist Moral nichts Anderes als Wettkampf, Krieg, Harmonie und Liebe, eben, ganz allgemein, Abstoßung und Anziehung als treibende Kraft eines bunten, von ihnen selbst inszenierten Spieles.