DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. Dezember 2009

Schmeichelei ist widerwärtig aus mehreren Gründen: Dem, dem geschmeichelt wird, weil er sich mißbraucht fühlt, indem einer, nur mit schönen Worten und liebem Lächeln, ihm etwas abhandeln will, was gemeiniglich höhere Gegenleistung verlangte. Er fühlt sich also ausgenutzt und insofern erniedrigt, weil der andere ihn für eine so leichte Beute hält. Auch sieht er sich genötigt, denn mit der erwiesenen Freundlichkeit hat ihn der Schmeichler gewissermaßen in Schuld gesetzt, und er riskiert als Ungerechter dazustehen, falls er die angetragene Bitte oder die erhoffte Beachtung ausschlägt.

Für den Zuschauer ist Schmeichelei deswegen widerwärtig, weil er neidisch ist, daß einer so leicht etwas erhalten soll, wofür er selbst viel teurer bezahlen müßte.

Für den Schmeichler schließlich ist es zwar einerseits demütigend, den andern mit Worten und Mienen dermaßen zu erhöhen — und damit sich selbst zu erniedrigen, vor ihm zu kriechen — andererseits ist es aber auch ein Triumph, ihn mit so geringen Mitteln zur Herausgabe seiner Güter zu bewegen.