DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Dezember 2009

Es gibt kein größeres Glück als andern zu gefallen, sich wohl aufgenommen, geachtet, geliebt zu sehen. Wir haben an uns selbst zu wenig, und was einer ist und was einer hat, die, nach Schopenhauer, beständigeren Güter, weil weniger von den Launen der andern abhängend, auch diese Güter gründen ebenso in unserem Ansehen oder unserer Vorstellung davon, nur daß sie einen längeren Atem haben und nicht so sehr an der Laune des erstbesten Hergelaufenen hängen. Allerdings rührt unser Befinden und Glück ja in erster Linie aus unserer eigenen Laune, und diese erst gebiert die Vorstellungen, wie wir bei den andern dastehen.

Jedenfalls kann das Ziel der Lebensweisheit nicht sein, feste, in uns selbst stehende, von andern unabhängige Werte zu finden — denn solche gibt es nicht — sondern vielmehr die angestrebten Werte und die Art der damit erstrebten Anerkennung so zu wählen, daß ein beruhigtes und frohes Dasein möglich ist. Das mag dann in vieler Hinsicht dem ähneln, was die Weisen bisher aufgestellt, sollte sich aber von dem Irrtum fernhalten, daß dabei Freiheit zu erlangen sei.