DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. Dezember 2009

Zwischen dem eigenständigen Menschen, der, wie Schopenhauer sagt „alles an sich selber hat“ und dem, der ganz von äußeren Dingen, zumal von der Meinung anderer über ihn, abhängt, ist nach meiner Ansicht nur ein gradueller Unterschied und nicht, wie Schopenhauer denkt, ein grundsätzlicher. Denn alle hängen letztendlich in den wichtigen Dingen an der Schätzung der anderen — oder was sie dafür halten — an Ehre, Ansehen, Gunst, Liebe, und der Unterschied besteht allein darin, daß die anscheinend Eigenständigen größere Geduld haben, längerfristig planen, sich nicht an augenblicklichen Erfolg und Beifall klammern.

Extreme Geister, wie etwa Schopenhauer selbst, konnten damit warten bis ins hohe Alter, ja, er hätte bis zum Tode gewartet — und doch hat sich keiner mehr abgemüht, sich bei den andern, seinem Publikum, in ein hervorragendes Licht zu setzen. Sogar, um recht hervorragend und unsterblich dazustehen, hat er sich lieber mit den Zeitgenossen verworfen, ihren Moden und Lächerlichkeiten abgeschworen, dafür auch auf allen instantanen Beifall verzichtet und gänzlich vom vorgestellten Beifall der Nachwelt seine dürstende Seele genährt.