DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Dezember 2009

Die Gesundheit,…

Die Gesundheit, meint Schopenhauer, trüge unmittelbar zu unserem Glücke bei, die Schönheit hingegen nur mittelbar: „Der Gesundheit zum Theil verwandt ist die Schönheit. Wenn gleich dieser subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glücke beiträgt, sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; Schönheit ist ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum Voraus für uns gewinnt.“

Kommentar: Ich würde sagen, daß auch die Gesundheit, ganz ähnlich der Schönheit, hauptsächlich mittelbar, nämlich durch den Eindruck auf andere, zu unserem Glücke beiträgt. Sind wir gesund, so glauben wir Kraft und Tüchtigkeit auszustrahlen, sind wir dagegen krank, Schwäche und Hilfsbedürftigkeit. Im ersten Falle glauben wir uns gern gesehen und willkommen, im zweiten lästig und überflüssig. Diese Wirkung, die wir uns vorstellen auf andere zu tun, macht aber den Hauptgrund unseres Glücks und Unglücks.

Die Krankheit allein, samt ihren Behinderungen, wäre oft leicht zu ertragen, wenn nicht das Gefühl der Minderwertigkeit hinzukäme, der vorgestellten Verachtung anderer. Der Schmerz ist freilich unbequem, aber er macht nicht den Hauptteil am Übel der Krankheit — auch läßt er sich zur Not durch Mittel betäuben, gegen Minderwertigkeit und Schmach aber gibt es keine Mittel.