DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. Dezember 2009

Diese Untersuchung zur Moral hat letztlich den einzigen und banalen Zweck, zu zeigen, daß diejenigen Unrecht haben, die vorgeben, von der Meinung anderer, der Leute, der Mode unabhängig zu sein. Sie zeigt, daß wir von nichts so sehr abhängen als gerade von diesen. An Gesundheit, Nahrung, am Leben hängen wir weniger als an ihrer Meinung, ja bereits an unserer Vorstellung von ihrer Meinung.

Schließlich, wenn es ein Fehler wäre, von anderer Meinung abzuhängen, wäre unser ganzes Leben ein Fehler und alle unsere Werte nichtig. Es gibt nichts Höheres in der Welt und für uns selbst, als bei ihnen gut dazustehen — mit all der Launen- und Wechselhaftigkeit, die damit verbunden.

Gott und ähnliche Abstraktionen, ebenso die Weisheitslehren, entbinden uns nur teilweise von dieser Launenhaftigkeit, denn auch ihre Gesetze sind, zum einen, von Menschen ersonnen und werden, zum andern, ständig neu und der jeweiligen Lage entsprechend von Menschen ausgelegt. Meist scheinen sie gar nur das Instrument, um die jeweilige Lage zu rechtfertigen, Forderungen Nachdruck zu verleihen, andere durch Anklage zu schwächen, sich selbst ins Recht zu setzen und zu glänzen.