DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. Dezember 2009

Würde einer — übrigens nach guter alter Philosophenart — den Tod seiner Nächsten ohne Trauer, vielmehr gleichgültig und als die natürlichste Sache aufnehmen, so würde er Wut und Haß erregen oder zum mindesten als seelisch krank beiseite geschoben. Einen lebenden Angehörigen, zumal Vater, Mutter, Kind nicht zu ehren und zu lieben, gilt schon als bedenklich, bei ihrem Tode aber nicht zu trauern, beleidigt das allgemeine Empfinden — weil jeder sich selbst und seine eigene Existenz dadurch mißachtet findet: „Wenn er nichteinmal um seine Mutter weint, dann sind ihm die Menschen allesamt gleichgültig, so daß, wenn ich dereinst mein unvergleichlich wertvolles Leben aushauche, ihn auch dies nicht berühren wird — dafür hasse ich ihn!“

„Hinzu kommt, daß er sich mit seiner gefühllosen Vernunft geistig und charakterlich über mich stellen will und mich als einen weichlichen Gefühlsdösel verachtet — dafür hasse ich ihn noch mehr!“