DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. Dezember 2009

Der Mensch möchte gut dastehen bei anderen. Das Erstaunliche dabei ist, daß er in diesem Ehrgeiz über räumliche und zeitliche Grenzen hinausgeht. Er möchte nicht nur Anwesenden gefallen, ja womöglich diesen gerade nicht, sondern andern, denen er nie in seinem Leben begegnen wird, die schon gestorben sind oder noch nicht geboren oder erst kommen werden nachdem er selbst gegangen ist. Diese Überschreitung von Grenzen heißt aber nicht, daß er einem Absoluten genügen wollte, daß eine absolute Instanz hinter seinem Gewissen stünde — denn gefallen will er trotzdem Menschen.

Wenn einer über sein Leben, über seinen unmittelbaren Kreis hinaus gefallen will, scheint dies zwar zunächst auf ein von menschlichem Geschmacke Unabhängiges, Absolutes hinzudeuten, ist aber schnell entkräftet, weil sich zeigt, daß jeder sein eigenes Absolutes pflegt und es nur mit seiner Sippe, seinem Kulturkreise, eben seinem Publikum teilt. Der arabische Märtyrer sprengt sich in die Luft, weil er zwar über sein Leben hinaus gefallen will — aber keineswegs den Amerikanern, ebenso wenig Paulus dem römischen Kaiser oder Stauffenberg dem Hitler. Sie wollen ihre Gegner beeindrucken, bezwingen, ärgern, im Dienste ihres Absoluten, aber die Gegner haben ein anderes, ein eigenes Absolutes — was letztlich heißt: Jeder hat sein Publikum.