DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. Dezember 2009

Unser Verhältnis zu den andern ist das wichtigste Element in unserem Leben, von dem Glück und Unglück fast ausschließlich abhängen. Eine Lehre zur Lebensweisheit oder Eudämonie muß daher hauptsächlich die Frage behandeln: Wie werde ich am meisten geliebt und geachtet — bei möglichst geringer Abhängigkeit von anderer Willkür und Laune?

Ein Glücksfall ist der Zustand des Verliebten, dessen eigene Begeisterung mit dem Begeistern des andern — dem unvergleichlichen Genuß, selbst Objekt der Begeisterung zu sein — in eine einzige Empfindung zusammenfließt, eben dem Liebesglück.

An zweiter Stelle kommen Wohltaten und Liebenswürdigkeiten, zu denen wir wie von selbst und unter Lustempfindungen getrieben werden — so leicht verdienen wir uns selten Liebe und Anerkennung.

Nach vielen weiteren Abstufungen kommen an unterster Stelle die bloßen Diener, Ducker und Kriecher. Sie geben ihre Dienstbarkeit nur ungern, denn sie haben nicht viel Zuversicht, sich Liebe und Ansehen dafür einzuhandeln, vielmehr treibt sie die bloße Furcht vor Ausstoß und Verachtung — und eben diese ernten sie.

Ein Badender im Meere gibt seine Kraft mit Freude an das Element, der Schiffbrüchige hingegen ringt aus Angst, er könne untergehen.