DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Dezember 2009

Der Selbstmord ist ein Akt zur Rückgewinnung von Ansehen, Anteilnahme, Mitleid, Zuneigung, und so können wir davon ausgehen, daß sich dem Verzweifelten, der diese Dinge für verloren glaubte, in seinen letzten Stunden sein Gemüt aufhellt in der Vorstellung, daß nach seiner Tat die andern ihm sehr wohl wieder Aufmerksamkeit schenken und Anteil nehmen werden. Die einen wird Mitleid bewegen, die andern Schuldgefühl, und alle werden sagen: Er war doch ein rechter Kerl und mußte nun ein solches Ende nehmen.

Dies alles geht mehr oder weniger durch das Bewußtsein des Selbstmörders in seinen letzten Stunden. Er ist wieder wer, seine guten Seiten sind hervorgehoben, seine Versäumnisse oder Untaten relativiert, als habe er mit seiner letzten Tat die Schuld beglichen. Ich würde also die Vermutung wagen, daß, wie übel er sich auch befunden haben mag, seine letzten Stunden doch eine Art Erlösung brachten und er also nicht in Verzweiflung sondern mit Genugtuung hingeht. Falls ihn denn wirkliche Verzweiflung niederdrückte, so war es in der Zeit vor dem Entschluß, nicht jedoch vor der Tat.