DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

30. November 2009

Moralische Gefühle wie Nächstenliebe, Mitleid, Mitfreude am Glück der andern, die Freude zu helfen, sich selbst zu opfern, sind private Regungen und eines jeden eigen Sache. Sie betreffen das moralische Wollen, denn wir haben dabei die Empfindung, als käme der Antrieb ganz aus uns selbst. Sie können anwachsen zu solcher Lust, daß wir sie um ihrer selbst Willen zu begehren scheinen — wie Leckerbissen oder die Zärtlichkeiten der Liebe.

Moralisches Sollen hingegen liegt nicht in der Eigendynamik des Individuums, vielmehr treten hier andere auf mit ihren Forderungen, Machtansprüchen, Profilierungsbegehren und drohen, statt mit Fäusten und Knüppeln, mit Liebesentzug, Ächtung und Verstoßung aus der Gemeinschaft. Und dies ist kein Zweikampf zwischen Individuen sondern jeder der moralisch streitet, impliziert in seinen Argumenten, daß er die Gemeinschaft hinter sich habe, welche zur Ächtung des Angeklagten bereit stünde.