DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. November 2009

Ein höherer Ursprung der Moral ist nicht nötig. Von Natur aus verlangt es den Menschen, gut bei Seinesgleichen dazustehen. Um dies zu erreichen, muß er ihnen nützlich sein. Am besten wird er bei ihnen dastehen, wenn sie den Eindruck haben, daß er dieses Nützlichsein nicht nur widerwillig und aus Berechnung leistet, sondern aus eigenem Antrieb, weil es ihm Freude macht. Wenn er diesen Eindruck erweckt, wird er am meisten Wirkung erzielen, am meisten Bewunderung und Liebe ernten, weil sie dann mehr Vertrauen in die Beständigkeit seines Diensteifers haben, als wenn er es nur aus Berechnung oder mit Zwang und Widerwillen täte.

Daß die Lust am Dienen vermutlich daraus entsteht, daß der Dienende beim Dienen intuitiv die Dankbarkeit, die Liebe und die Achtung erahnt, die ihm vom Empfangenden zurückstrahlt und er so die Befriedigung seines eigentlichen Bedürfnisses erfährt, ist ein weiterer Beweis, wie Egoismus und Altruismus sich auf natürliche Weise wechselseitig hervorbringen und beflügeln.

Philosophisch gesehen scheint mir die Frage, wie der Mensch handeln solle, überflüssig. Im praktischen Leben freilich steht die Moral überall im Vordergrund. Sie ist ein natürlicher Regelmechanismus, ohne den zwischen Menschen fast gar nichts geht. Aber schon deswegen ist die Sorge unbegründet, daß die Moral zu kurz kommen könnte, daß die Menschheit moralisch verderbe, die Sitten verfielen etc. Dies alles ist gar nicht zu fürchten, denn die Moral drängt sich von selbst in jedes Verhältnis zwischen Menschen ein. Jeder bedient sich ihrer, jeder leidet unter ihr, jeder genießt ihre Vorteile.