DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. November 2009

Wichtig sei nicht, was die andern sagten, sondern ob man sich selbst im Spiegel anschauen, ob man vor seinem eigenen Gewissen bestehen könne. Das ist aber eine vordergründige Ausdrucksweise, hinter der in Wahrheit steckt: Ich will mich nicht danach richten, was dieser oder jener von mir denkt, mir kommt es darauf an, ob diejenigen, deren Urteil mir etwas bedeutet, mit mir und meinem Tun zufrieden sind. Ein Gewissen für mich allein hab ich nämlich nicht, mein Gewissen, das sind die andern, eben diejenigen, die mir etwas bedeuten. Ein Urteil über mein Spiegelbild heißt immer: Wie erscheine ich den andern?

Die sogenannte Selbstfindung, die Befreiung von anderer Leute Meinung, ist in Wahrheit nur der Versuch einer partiellen Abgrenzung: Von der Meinung dieser oder jener will ich nicht mehr abhängen! Heißt aber auch: Ich habe andere, wichtigere, denen ich von nun an ausschließlich gefallen will. Diese wichtigeren sind mein Gewissen.