DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

23. November 2009

Unser Selbstwert noch einmal — in einer polarisierten Darstellung.

negativ: ohne einen einzigen applaudierenden Zuschauer (existierte er auch nur in unserer Vorstellung) könnten wir weder an uns selbst noch an unseren Handlungen irgendwelchen Gefallen finden.

Diese Abhängigkeit vom Urteil der anderen empfinden wir oftmals als drückend und versuchen mit vielerlei Mitteln uns davon zu befreien: Pflege von Eigenheiten und persönlichen Liebhabereien, Reichtum, Selbstgenügsamkeit etc. Viele Lehren der Philosophie, Psychologie, Religion, Esoterik zielen letztendlich in diese Richtung.

Ich weiß nicht wieviele darin erfolgreich waren und sich tatsächlich befreien konnten. Je tiefer ich aber in mich selbst schaue, desto mehr Abhängigkeit finde ich, und desto aussichtsloser scheint mir mein eigener Kampf.

Auch bei den meisten, die ich beobachte, scheinen mir zumindest die äußerlichen Symptome anzudeuten, daß ihre Befreiungsversuche allenfalls eingebildete Erfolge zeigen und ihre sämtlichen Maßnahmen letztlich doch wieder auf den Beifall aus sind.

positiv: wer ganz und gar zufrieden mit sich ist, steht auch in dem völligen Glauben, daß die für ihn maßgeblichen Menschen an ihm und seinem Tun Gefallen finden. — Hierbei lasse ich offen, ob er zuerst diesen Glauben hat und dann mit sich zufrieden ist oder umgekehrt, aus seiner Zufriedenheit diesen Glauben schöpft. Jedenfalls wird das eine nicht vom andern zu trennen sein.

ideal: Es bliebe noch zu klären, was eigentlich Schlechtes daran sein soll, den andern zu gefallen und daraus seine eigene Selbstachtung zu beziehen. Auch wenn dieses Gefallenwollen dem Selbsterhaltungstrieb und dem Ehrgeiz, im Rudel aufzusteigen, entspringt, kann es doch etwas Großes sein, ja überhaupt dasjenige, aus dem alle großen Leistungen praktischer, staatsmännischer, künstlerischer, geistiger und menschlicher Art entspringen. Warum soll Ehrgeiz, der soviel gute Früchte tragen kann, verwerflich sein, warum soll Abhängigkeit etwas Schlechtes sein, wenn Gutes voneinander abhängt?

Ich würde auch behaupten, daß die meisten Menschen diese Mechanismen der gegenseitigen Abhängigkeit widerspruchslos befolgen und ganz natürlich finden, daß man nur tun soll, was auch andern gefällt und verwerflich ist, Anstoß zu erregen. Wer dies am besten schafft, ist dann zurecht beliebt, berühmt, gefeiert, und die seinem Kreise Angehörenden sind stolz auf ihren Helden.