DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. November 2009

Wenn Privatmenschen tolerant sind gegen die Meinung oder den Glauben anderer, so sind sie dies in Wahrheit nur äußerlich, sie geben vor, den Andersdenkenden ganz und gar gelten zu lassen, um weltoffen und nicht borniert zu scheinen, um sich den Andersdenkenden nicht zum Feinde zu machen. In Wahrheit aber denken sie bei sich, daß ihre eigene Meinung die bessere sei, ja die Wahrheit überhaupt sei, während die des andern doch auf Irrtum, im Grunde auf Dummheit beruhe.

Die einzigen, die wirklich tolerant sein mögen, sind zuweilen die Staatsmänner, wenn sie etwa eine gemischte Volksgemeinschaft regieren wollen. Selbst weder Katholik noch Protestant noch Moslem oder Hindu, werden sie, um ihren Staat in Ruhe und Ordnung zu halten, jede dieser Glaubenslehren gleichermaßen gelten lassen, und können das, weil sie an keiner wirklichen Anteil nehmen. So wie wir, wenn sich unsere Kinder streiten, jedem sein Recht zu geben versuchen, aber nur deswegen zu dieser Unparteilichkeit fähig, weil uns die jeweiligen Interessen gleichgültig sind. In allen Fragen, zu denen wir persönlich eine Meinung haben, sind wir unfähig zur echten Toleranz. Wir geben solche nur vor, weil es geboten scheint.