DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. November 2009

Unser Mitleid rührt oftmals nur von der Furcht, den Unwillen des Leidenden auf uns zu ziehen. Wir fühlen uns gedrängt, ihm zu helfen oder wenigstens Anteil an seinem Leiden zu bekunden, weil er uns sonst der Hartherzigkeit, Gleichgültigkeit oder des Hochmutes zeihen könnte, wir fürchten den potentiellen Feind, oder zumindest eine vage feindliche Energie.

In Wahrheit aber ist er uns, samt seinem Leiden, nur lästig, daß wir in seiner Schuld stehen sollen, peinlich, und wir versuchen, so glimpflich als möglich aus der Sache zu kommen. Zu diesem Zwecke bekunden wir Mitleid — und glauben in den meisten Fällen selbst daran.