DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. November 2009

Man wird einwenden, es sei ja dann nichts Großes mehr in der Tugend, wenn alles nur darauf beruhe, andern zu gefallen, wenn es keinen höheren, absoluteren Maßstab gebe. Dann wäre doch alles nur Eitelkeit.

Zum einen aber können wir den unschönen Teil der Eitelkeit darin eingrenzen, daß der Eitle mit bloßem Schein versucht zu gefallen, während der im besseren Sinne Eitle, der Ehrgeizige, mit wirklichen Qualitäten und also zum wirklichen Nutzen gefallen will. Sodann brauchen wir nur dieses „den-andern-Gefallenwollen“, dieses „in der Gesellschaft Nach-oben-Streben“ als einen höheren, gar absoluten Wert ansehen, und schon haben wir wieder das vollkommene Gute, das reine Ideal. Zumindest ist es das Höchste, Schönste, Beste, was uns im Leben möglich ist.

La vertu n‘irait pas si loin, si la vanité ne lui tenait compagnie.
La Rochefoucauld

Wie soll aber etwas zum Ideal, zum vollkommenen Guten werden, dem soviel Unschönes anhaftet wie dem Egoismus, dem Ehrgeiz, der Machtbegierde? Nun, dies begegnet allen Tugenden gleichermaßen: Auch in der Frömmigkeit sehen heute die meisten bloße Dummheit oder widerwärtiges Besser-sein-Wollen, auch die Keuschheit, die einst in so hohem Ansehen stand, wird heute als eine wurmstichige Antiquität gehandelt, und wer sich damit brüsten wollte, würde aus den meisten Kreisen augenblicklich verstoßen, mit Spott beladen, zur Strafe seines Besser-sein-Wollens noch gar mißhandelt. Und genau so wird es den Tugendgebilden ergehen, die heute in Mode stehen: Dem Pazifismus, dem Liberalismus, dem Sozialismus, dem Demokratismus, dem Humanismus.

Alle Tugenden sind zugleich auch Laster, oder wenn nicht zugleich, so doch zu anderer Zeit oder an anderem Orte. Sie sind überall dort Laster, wo sie stören, wie z.B. die Friedfertigkeit im Kriege. Wer dort das „Du sollst nicht töten“ predigt, ist nicht willkommen und wird, falls er keine Ruhe gibt, selbst beiseite geschafft.