DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. November 2009

Wir wollen Regeln einhalten, Sitte und Anstand wahren, das Gesetz beachten. Aber dies ist nur äußerlich, eine verkrustete Hülle, unter der in Wahrheit steckt: Wir wollen nicht anecken, nicht Mißmut, Haß oder die Rache unserer Nächsten auf uns ziehen.

Wir meinen, Anstand, Sitte und Gesetz seien ein Höheres, Heiliges und finden ihre Verletzung empörend wie den Sündenfall — allerdings nur, wenn wir uns selbst dadurch geschädigt sehen oder uns als Gute und Gerechte hervortun wollen; sobald wir von der Verletzung profitieren oder unsere Feinde geschädigt sind, arrangieren wir uns gerne. Nichts Höheres und Heiliges, sondern Übereinkünfte und Gewohnheiten, zu keinem andern Zweck als das Zusammenleben und die Rangordnung zu regulieren; im Prinzip beliebig austauschbar — aber, eben deswegen, Austausch und Erneuerung meist nicht der Mühe wert.

Hinter aller Tugend, Ehre und Frömmigkeit steckt nichts Anderes, als daß wir andern gefallen wollen. Warum aber machen wir uns dann oft eine Tugend daraus, andern gerade nicht gefallen zu wollen, nicht auf die Meinung der Leute zu hören, nicht mit dem großen Haufen zu laufen, nicht den andern nach dem Munde zu reden? Wie kann darin eine Tugend liegen, wenn der Kern aller Tugend doch ist, andern zu gefallen? Nun, selbst hinter dem Nichtgefallenwollen steckt letztlich das Gefallenwollen: mit unserer Unabhängigkeit von anderer Leute Meinung wollen wir uns bei denen erhöhen, auf deren Urteil wir höheren Wert legen. Wir rühmen uns, wir legten auf die Meinung der Leute keinen Wert, aber nur um in der Meinung derer, vor denen wir uns rühmen, zu steigen.

Hinzu kommt, daß wir zwar gefallen wollen, um unseren Rang — und damit unsere Macht — zu halten oder auszubauen, daß uns aber andererseits die Freiheit mächtig anzieht und verbietet, für Rang und Ansehen zu liebdienern und zu ducken. Wir wollen die Macht, aber wir wollen nicht dafür bezahlen

Am liebsten wären wir völlig frei in unseren Handlungen und hätten dabei dennoch die Gewißheit, daß alle unsere Handlungen Liebe und Achtung einbrächten und also unseren Rang erhöhten. Da aber Liebe und Achtung nur kommt, wenn wir andern nützlich sind, in ihrem Dienste stehen, uns für sie opfern, so birgt unser Wunsch eine Unmöglichkeit in sich: Wir können nicht frei sein und zugleich geachtet und geliebt werden. Liebe und Achtung verlangt Dienst, also Unfreiheit.

Im idealen Falle bereitet uns die Liebe und Achtung, die wir ernten, ein glückliches Gesicht, das uns entgegenstrahlt, so viele Freude, daß die Last der Unfreiheit gänzlich überdeckt wird. Dann sind wir glücklich im Dienen, getragen von der sanften Woge des Ruhms, und dies ist vielleicht das höchste erreichbare Glück. Ruhm und strahlende Gesichter bringen uns mehr ein, als wir durch Dienst und Opfer an Freiheit verlieren. Weil sie aber unseren Rang erhöhen und damit unsere Macht, erhalten wir, auf diesem Umwege, sogar eine Art von Freiheit zurück — denn der Mächtige, auch wenn seine Macht letztlich vom Wohlwollen der andern abhängt, genießt doch zumindest ein Gefühl der Freiheit.