DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

15. November 2009

Auch der Brauch, die Sitte, das Herkommen, ist nicht etwas für sich Wertvolles oder Gültiges sondern ein Regelwerk, das dem, der sich danach richtet, Schonung und womöglich Wohlwollen verspricht. Es ist aber unbegründet, wegen des Sittenverfalls in Aufruhr zu geraten. Wenn die eine Sitte verfällt, so entsteht alsbald eine neue, bzw. war bereits ein neuer Kodex da, welcher die alte zu Fall gebracht.

Hinter der Angst vor Sittenverfall steckt nur die Angst vor der Bedrohung eigener Gewohnheiten und Interessen. Zwar wird auch der Weise an den bestehenden Sitten festhalten wollen, jedoch nicht weil er die bestehenden für die besten hielte, sondern eben weil er die Gleichwertigkeit aller erkannt und sich also von einem Wechsel, außer der Unruhe, die damit verbunden, nichts verspricht. Er wird auch seinen Mantel tragen, solange er Dienst tut und nicht nach einem neuen verlangen, nur weil die Mode wechselt.

Daß der Egoismus überhand nähme, ist überhaupt nicht zu fürchten, denn zum einen war er, nach meiner Betrachtung, schon immer der Hauptbeweggrund des Menschen, zum andern ist, als Gegengewicht, die Abhängigkeit der Menschen untereinander so mächtig, daß sie immer auch füreinander handeln werden — um voneinander anerkannt und geliebt, um nicht verachtet und ausgestoßen zu werden. Diese Urkräfte sind mit Revolutionen, mit Sittenwandel, mit Werteverfall nicht zu bezwingen.