DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. November 2009

Keiner kann von seiner Natur aus anhaltend nur an sich selbst denken und die Interessen der andern mißachten. Es würde alsbald entweder seine Furcht vor ihrem Mißfallen oder seine Sehnsucht nach ihrer Anerkennung so groß, daß er die eigenen Interessen zu ihren Gunsten wieder herabsetzte und also Gutes täte im herkömmlichen Sinne.

Dabei gibt es die beiden Möglichkeiten, dieses Gute entweder aus Furcht vor Mißfallen zu tun oder aus Freude am Gefallen. Die Freude am Gefallen treibt uns an, Dinge zu tun, die andern nützlich und schmeichelhaft sind, damit sie günstig gegen uns gestimmt werden und wir gut bei ihnen dastehen. Wir denken uns hinein in ihre Wünsche, Bedürfnisse, Eitelkeiten und Nöte, um zu erraten, wodurch sie beglückt werden könnten. Es ist nichts Anderes, als was herkömmlich als Liebe bezeichnet wird — auch wenn es zum hauptsächlichen Grundmotiv nur das Bedürfnis hat, selbst geliebt zu werden.

Das Gefallenwollen durchdringt uns jede Ader und jeden Nervenstrang, dem ist nicht zu entkommen. Gefallenwollen aus Furcht vor Mißfallen und Verstoßung scheint aber nichtswürdiger als Gefallenwollen aus reiner Freude am Gefallen. Dieses scheint so edel, weil zu seinem Zwecke freimütig und großzügig andern Freude bereitet und Nutzen gebracht wird, weil man sich an ihrem Vorteil, an ihrem Glücke mit erfreut — sei auch das geheime Motiv dazu nur die eigene Gefallsucht.

Wer ängstlich erwägt, wieviel er geben muß, um für seinen Bedarf genügend Ansehen zu gewinnen, der wird jedenfalls armseliger sein, als wer freizügig seine Dienste ausstreut und sich der fröhlichen Gesichter freut, die ihm entgegenstrahlen. Beide leitet im letzten Grunde nichts als die eigene Gefallsucht und also der eigene Vorteil. Dennoch schätzen wir den freimütigen Wohltäter als den größeren, den glücklicheren Menschen.