DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. November 2009

Sollen wir uns eine Hölle vorstellen und Schlimmes fürchten für unser Dasein nach dem Tode, oder daß uns Angst und Schrecken überkommt in unserer letzten Stunde, weil all unsere Sünden noch einmal ins Bewußtsein fahren?

Oder uns lieber mit den Tieren vergleichen? Können wir uns denken, daß dort auch unser Hund gebraten wird und in seiner letzten Stunde aus Angst vor einer Hölle zittert? Der stirbt mit den Leiden, die ihm sein körperliches Ende beschert, und wird sich darüber hinaus keine Gedanken machen.

Was uns von den Tieren unterscheidet, ist die Moral. Wenn die Moral aber nichts Anderes ist als ein Kräftespiel unter Menschen, vielleicht auch noch ein Elixier, welches Glück und Unglück fördert, was sollen wir dann moralisch für die Zeit nach dem Tode fürchten? Die Menschen, deren Urteil und Strafmaßnahmen uns ängstigen, bleiben hier, es ist allein die Vorstellung des Nachrufes: Was werden sie über uns reden, wenn wir weg sind, was bleibt in ihrem Gedächtnis von uns übrig?

In diesem Falle wird die Hölle eines Unbekannten allenfalls ein zwei Generationen dauern, bis er hier auf Erden vergessen ist. Die großen Übeltäter werden zwar länger leiden, doch nach ein- zweihundert Jahren wird auch ihnen keiner mehr persönlich böse sein; man könnte ihre Übeltaten allenfalls als historisches Kuriosum handeln und vielleicht ein Theaterstück schreiben (Richard III., Nero, etc.). Alle übrigen, die berühmt geworden, finden zwar noch lange ihre Kritiker und Schmäher, aber die hatten sie ja zu Lebzeiten schon, und so wird sich denn gar nichts ändern.

Wenn also mein Hund nicht in die Hölle kommt, werde auch ich ruhigen Herzens hinübergehen — und ergötze mich einstweilen an den Bildern glühender Zangen, in brodelnden Kesseln gekochter Menschen, ewig Gefesselter, kopfüber Hängender, durch Trichter mit üblen Brühen Abgefüllter. Den Ernst darin überlaß ich den Malern und Dichtern, die damit ihren Kunsttrieb ausleben — und denjenigen, die ihre Rachsucht, welche sie hier nicht befriedigen können, in solchen Phantasien ausschöpfen. So spricht jedenfalls die Vernunft — aber des Menschen Abhängigkeit von Sympathie und Meinung der andern ist so über alle Maßen, daß es nicht verwundert, wenn er diese Sorge bis über seinen Tod hinausdehnt und sich gänzlich aufreiben kann für etwas, das er gar nicht erlebt.