DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. November 2009

Den Göttern zu opfern war immer gut angesehen, ebenso heute das Spenden für gute Zwecke. Der Gefallen an solchen Handlungen entspricht aber derselben Quelle:

— Wer sich opfert, macht sich klein, wird dafür geliebt wie der Bescheidene, der sich, obwohl er es nicht nötig hätte
unters Volk mischt

— Wer sich opfert, vollbringt eine Kraftleistung, eine Akrobatik der Seele, indem er den eigenen Vorteil zurückstellt, er wird dafür bewundert wie einer, der große Strapazen überwindet, Durst und Müdigkeit besiegt, er überwindet den Egoismus, ja den Selbsterhaltungstrieb.

— Wer sich opfert, bezeugt Anteilnahme an denen, die weniger vom Glück bedacht sind.

Mit Opfern und Spenden bezeugt einer, daß er, mag er ansonsten noch so glücklich und wohlhabend sein, nicht über allem steht, sondern sich den Göttern oder einer allgemeinen Moral des Wohltätigseins unterordnet. Wenn ein Reicher spendet, macht sein freiwilliges Opfer den meisten Eindruck, nicht der Nutzen, den er andern damit schafft. Das Opfer ist immer die Hauptsache, weil es Demut und Unterordnung bekundet, in zweiter Hinsicht erst, weil es andern Brot und Kleidung schafft.

Wenn den Göttern geopfert wurde, war der Nutzen ja auch allenfalls auf Umwegen zu erhoffen; auch hier war das Wesentliche die Unterordnung, das Ablegen jeglicher Selbstherrlichkeit und Demonstration von Überlegenheit. Die Bescheidenheit stand seit je in höchstem Ansehen.