DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. November 2009

Wer erkundet, was hinter aller Moral und allem Gewissen steckt, nämlich der Kampf um Macht und Ansehen, der lebt doch weiterhin unter Menschen, die nicht in diese Hinter- und Untergründe geblickt haben, die weiter tapfer für ihre moralischen Grundsätze streiten, die Welt danach einteilen in gut und schlecht. Seine Einsichten werden auch nicht hindern, daß er sich selbst im Alltage, zumal in persönlichen Konflikten, an moralische Urteile heftet und die anderen daran mißt. Seine Einsichten und Tiefblicke werden hier nur wenig ändern — und den Rest der Menschheit schon gar nicht.

Denken wir uns die Menschen in einem Gehege lebend und dieses für ihren natürlichen Lebensraum erachtend. Nun steigt einer von Zeit zu Zeit über den Zaun und sieht von außen die Beschränktheit der übrigen. Was ändert es? Die übrigen werden in ihrem Bewußtsein verharren und auch er wird wieder dahin zurückkehren, den begrenzten Raum mit ihnen zu teilen. Es würde auch weder gelingen, noch brächte es Vorteil, wenn er die andern überreden wollte, ebenfalls über den Zaun zu steigen: sie haben weder Bedürfnis noch Lust dazu.

Außerdem weiß er gar nicht wieviele weitere Umzäunungen auch ihn noch umgeben, nachdem er die erste überwunden hat. Er sieht dann zwar die übrigen eingesperrt und sich selbst aus diesem Gehege einstweilen entronnen, doch umgibt ihn vermutlich ein weiteres, nur etwas größeres. Er hat also seine Erkenntnis, seine Freiheit relativ erweitert, absolut aber gar nicht.