DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

31. Oktober 2009

Wer, um sich zu gefallen, nicht andere zum Spiegel nimmt — denen er gefallen muß, wenn sie ein schönes Bild zurückwerfen sollen — sondern ganz auf eigene Reflexionen, auf Selbstbespiegelung vertraut, der wird gar wenig zu Gesicht bekommen. Es wird ihm ergehen wie dem Narziß, der im See sich seines Antlitzes erfreuen wollte. Aber es fiel ein Blatt ins Wasser, und so wurde sein Spiegelbild durch die erzeugten Wellen getrübt. Solchermaßen erschrocken von der vermeintlichen Erkenntnis seiner Häßlichkeit starb er.

Wir sind nicht dazu geschaffen, uns selbst zu genügen. Nichteinmal in unseren Selbstgesprächen reden wir mit uns selbst, sondern holen stets andere herbei, vor denen wir uns rechtfertigen, loben, herausputzen, die wir umschmeicheln um ihre Neigung zu gewinnen, die wir angreifen um ihre Angriffe abzuwehren.

Wenn wir in den Spiegel sehen, erfüllt uns nichts als der Gedanke: „So werde ich ihnen erscheinen! Welchen Eindruck werden sie haben, werden sie das Gesicht zu breit finden, wenn ich die Haare zum Scheitel kämme oder zu groß, wenn nach hinten? — Jetzt ist es gut, so werden sie mich schön finden und glauben, es sei hauptsächlich aus Natur und nicht durch Künste hingebogen. Denn sie sollen nicht denken, ich hätte mich ihrethalber allzu sehr ins Zeug gelegt, sollen vielmehr in meinem Glanz die Überlegenheit erkennen, mit der ich sie überstrahle, sollen mich hochschätzen, sich aber zurücknehmen.“

Sich selbst gefallen, heißt immer, sich in den vorgestellten Urteilen der andern hoch einstufen. Über uns selbst können wir gar nicht urteilen, können uns weder gefallen noch mißfallen, nicht einmal sehen, weil in uns kein Spiegel ist.

Mit sich zufrieden sein, mit sich im Reinen sein, gilt als Krönung der Weisheit und des Glücks. Aber keiner ist je mit sich selbst zufrieden, wir haben überhaupt kein Organ dafür, mit uns selbst zufrieden oder unzufrieden zu sein. Wir können vielleicht das Gerede der Nachbarn ignorieren, wir können die launischen Meinungen der Menge verachten, wir können dort gelassen sein, wo andere in Hysterie geraten — aber wir haben in Wahrheit nur den Kreis derer gewechselt, an deren Urteil wir hängen. Wer sich Philosophen, Dichter oder Heilige zum Publikum nimmt, der mag vom Wechselspiel der Sympathien in seiner nächsten Umgebung weniger gebeutelt werden, aber er hängt doch an seinem Publikum und kann nur soweit zufrieden mit sich sein, als er sich einbildet, dessen Beifall zu finden. Soweit kommen aber nur wenige. Wer mit sich zufrieden ist, der lebt in der Meinung, diejenigen, deren Urteil ihm wichtig ist, seien es mit ihm, und nur daraus schöpft er seine Zufriedenheit.

Selbstzufriedenheit gilt andererseits als arrogant und widerlich und zwar deswegen, weil der Selbstzufriedene den Eindruck erweckt, als würde er auf unseren Richterspruch pfeifen. Wir sind gekränkt und hassen ihn, obschon wir wissen könnten, daß auch er von einem Publikum abhängt und nur wir gerade nicht dazugehören. Aber er hat uns die Macht über sich genommen — und eben dies beleidigt uns.