DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. Oktober 2009

Wer sich über Gott lustig macht, behält, bei allem Reiz und Kitzel, doch ein mulmiges Gefühl, und es ist ihm nicht ganz wohl bei seiner Sache.

Dies rührt aber nicht so sehr von einer Furcht vor Gott — an dessen Existenz er vielleicht gar nicht glaubt — als vielmehr davor, von den andern als ein Unseliger, Verworfener, ihre Heiligkeiten mit Füßen Tretender angesehen zu werden und dadurch ihre Verachtung, ihren Ekel und vor allem ihren Haß auf sich zu ziehen.

Denn um Heiligkeiten geht es hier allemale, und auf beiden Seiten, bei den Gläubigen wie bei den Ungläubigen. Zwar morden heute nur noch Islamisten für ihren Glauben, während der zivilisierte Mensch sich über solch rohen Leidenschaften hinweggekommen glaubt, doch in jedem kocht nicht weniger die heimliche Wut, sobald er in seinen Glaubensangelegenheiten gekränkt wird.

Beim Gläubigen verwundert dies vielleicht nicht, aber auch der Ungläubige, verkraftet schwer, wenn man seinen Unglauben geringschätzt. Wenn einer kommt, von seinem Gotte vorschwärmt und wie arm doch diejenigen dran seien, die diesen besseren Weg noch nicht gefunden und also durchscheinen läßt, daß er und seine Glaubensbrüder eben die besseren Menschen seien und die Erwählten fürs Paradies, während er, der Ungläubige, dereinst leider draußen bleiben müsse, dann wird auch dem Atheisten die Wut aufsteigen, und vergeblich wird er sich zu beruhigen suchen, daß ihm ja bloß ein naiver Dummkopf gegenüberstehe.

Deswegen ist nicht erstaunlich, auf welche Ablehnung die Sekte der Zeugen Jehovas stößt, wenn ihre Mitglieder von Haustür zu Haustür pilgern, um ihre Gespräche über Gott und Bibel anzubieten. Sie werden von den Aufgesuchten nicht bloß weggeschickt, sondern geradezu mit Haß verfolgt. Und dies ist insoweit nachvollziehbar, weil ein solcher Missionierungsversuch im Grunde nichts Anderes heißt als: „Du bist, in den wichtigsten Dingen, auf dem falschen Wege und wirst dereinst vor dem verschlossenen Paradiese stehen, während wir drinnen ein herrliches und nimmer endendes Freudenfest feiern. Das Einzige, was dich retten kann, ist, dein niedriges Leben aufzugeben und so zu werden wie wir — weil wir die Besseren sind!“

Solche Überheblichkeit erzeugt Wut und Feindschaft, sowohl unter den verschiedenen Glaubensrichtungen, als auch bei ganz Ungläubigen und Atheisten. Es ist demütigend und erniedrigend, wenn einer behauptet, er sei auf dem richtigen Wege — und alle andern Wege seien falsch — und er macht sich dadurch verhaßt. Keiner will den eigenen Weg als Irrweg genannt wissen, und keiner will im Nachteil oder schlechter sein, schon gar nicht, wenn es um Glück und Seligkeit geht, welche gewissermaßen als die unwiderlegbaren Beweisstücke für die Richtigkeit des Weges gelten: Denn alle suchen letztendlich nichts Anderes als dauerndes Glück und Seligkeit, weswegen der, der es gefunden oder dem es versprochen worden, selbstredend in die höchsten Ränge aufgestiegen wäre.

Im Glauben wie im Atheismus geht es ums Besser- oder Schlechtersein und also um den Rang in der Gemeinschaft, um Macht und Schwäche, Ehre und Verachtung, und es ist für keinen leicht, gleichgültig zu bleiben, wenn ein anderer sich hochstellt und ihn also erniedrigt.

Weil demnach alle Überheblichkeit sich Feinde macht, so ist weder dem Missionar noch dem Gotteslästerer ganz wohl bei seiner Sache — außer vielleicht dem, der eine genügend große Anhängerschaft hinter sich weiß.