DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. Oktober 2009

Wir leben in dem Gegensatz, daß alles Große, Bedeutende auf Eitelkeit und Ruhmsucht der Herausragenden, sowie auf blindem Glauben, Mitläufertum, Unterwürfigkeit der Verehrenden beruht. Daß aber, wer sich diesem Rollenspiel entziehen will, auch jeder Größe entsagen muß und ihm nur bleibt, als Kritiker an allem herumzumäkeln, als Satiriker alles in den Schmutz zu ziehen und am Ende selbst als eine Kröte dazustehen wie Thersites vor den griechischen Heerführern.

Entweder man läßt sich auf die Spiele ein, glaubt an Tugenden, an den Wert menschlicher Größe, Schönheit, Erfindungskraft, Güte, Führungsstärke, Sittlichkeit, an die jeweils in seiner Zeit und Gesellschaft gültigen Maßstäbe, an diese Werkzeuge und Waffen im Kampf um Rang und Ansehen, oder man hält sich aus dem Gerangel fern (wenn das denn möglich ist, denn selbst der Kritiker und der Satiriker wollen mit ihrer Kunst immer zu Geltung kommen) und wird in völliger Bedeutungslosigkeit im Abseits der Menschheit stehen. Man macht im Theater mit, steht im Lichte der Scheinwerfer, oder man hält sich heraus und bleibt im Dunkeln als teilnahmsloser Zuschauer.