DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Oktober 2009

Einem Gott zu gehorchen, Prinzipien zu verfolgen, Idealen nachzustreben, also insgesamt eine höhere absolutere Instanz zum Leitfaden nehmen, das befreit vor allem von der Launenhaftigkeit des menschlichen Urteils. Wir wollen immer gefallen und eine Steigerung unseres Ansehens, unserer Position erfahren, aber wenn wir es nur bei Menschen suchen, ist es doch eine sehr wechselhafte und unsichere Angelegenheit. Da strebt man denn nach einem ruhigeren Hafen und also in ein höheres Ordnungs- und Urteilsprinzip.

Zwar können wir ohne die Zustimmung und Zuneigung unserer Artgenossen kaum bestehen, doch weil es ohnehin nicht möglich ist, ihnen allen und zu jeder Zeit zu genügen, ist ein neutraler Ruhe- und Orientierungspunkt von großem Wert. Wenn dieser dann, wenigstens dem Namen nach, auch allseits anerkannt ist, wie ein Gott, der Humanismus etc. so kann man sich jederzeit, vor andern damit rechtfertigen, mag man auch in der Sache keine Zustimmung finden.

Allerdings begibt man sich erneut unter eine Autorität, und manche empfinden die Herrschaft eines Gottes nicht weniger als Tyrannei, von welcher sie sich gerne befreien wollten. Das Tyrannische ist hier aber nicht der Gott, sondern wiederum die Menschen, die sich des Gottes bedienen, seine angeblichen Wünsche und Forderungen in ihrem Sinne auslegen und, mit seiner Unterstützung, bestimmen wollen, was zu geschehen habe. Dasselbe tun sie aber mit allen Idealen und Ideologien. Wer sich von dem Gott befreit, wird die Tyrannei deswegen nicht los, denn in seiner neuen Gemeinde von Humanisten, Demokraten, Sozialisten werden ganz ähnliche moralische Druckmittel angewandt, mit denen sich ihre Mitglieder behaupten und hervortun wollen.

Wer jetzt noch weiter ginge und sich sämtlicher Prinzipien entledigen wollte, sich von allen Göttern und allen Idealen lossagte, der hätte zwar einerseits an Freiheit gewonnen, weil ihm die andern nicht mehr kommen könnten mit: „Gott befielt dir aber …!“ oder „Die Gerechtigkeit fordert, daß du …!“, aber er hätte damit auch jeden Ruhepunkt und jede Orientierung verloren, und vor allem wäre ihm seine eigene Kraft beschnitten, denn er könnte auch seinerseits kein moralisches Druckmittel mehr anwenden — welches ihm doch die einzige Waffe, den einzigen Schutzschild in die Hand gibt überall dort, wo seine Körperkraft, Waffentechnik und Geldmittel nicht hinreichen. Die Moral ist unser subtilstes Kriegswerkzeug und kein Mann in Wirtschaft oder Politik, ja im gesellschaftlichen Leben überhaupt, der sich ihrer nicht bedient, um sich zu wehren und voranzukommen?