DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

23. Oktober 2009

Mag sein, daß bei Gottesgläubigen ganz und gar an einen Gott geglaubt wird und dort meine Sichtweise, nach der alles auf die Geltung bei den Menschen ankomme, alle Tugenden und Ideale danach ausgerichtet seien, was der Menschen Beifall findet, mag sein, daß diese Betrachtungsweise dort nicht ankommt und von ihrer Lebenserfahrung nicht bestätigt wird. Ihre Autorität ist der Gott, und auch ihre Furcht nach begangenen Untaten empfinden sie vor ihm.

Ich will daher nur soweit an meinem Gedanken festhalten: Auch wenn man den Gott wegnimmt, wie ja Aufklärer, Atheisten und Materialisten getan, nimmt weder der Ansporn zur Tugend noch die Furcht vor der Verfehlung ab, vielmehr wird der Gott lückenlos ersetzt durch die Gemeinschaft, deren Urteile und Interessen.

Dies hat uns sowohl die Geschichte bewiesen, als auch mir mein eigenes Leben, in welchem Gläubigkeit und Ungläubigkeit und Gleichgültigkeit in Glaubensfragen schon mehrfach einander abgewechselt. Was sich alleine immer gleich blieb, ist das Verlangen nach Ansehen, Anerkennung, Liebe, Einfluß und unsere Furcht vor deren Gegenteil, und daß wir die hauptsächlichen Mühen unseres Lebens darein setzen, in diesem Kräftefeld zu bestehen.

Ebenso durchgängig läßt sich beobachten, daß wir immer neue Anläufe nehmen, diesem Kräftefeld zu entkommen, indem wir Gott abschaffen, uns nicht um die Meinung der Leute kehren, unsere Eitelkeit, d.h. unsere Abhängigkeit von deren Urteil, überwinden wollen, daß wir die historische Bedingtheit von Moral und Sitte nachweisen, um uns von ihren absoluten Ansprüchen zu befreien, daß aber alle diese Versuche der Befreiung nur flüchtige oder gar keine Erfolge zeigen, weil diese Abhängigkeit in unserem Wesen und nicht in irgendwelchen Umständen oder gesellschaftlichen Ordnungen oder Religionen begründet liegt.

Schaffen wir das eine ab, setzt sich lückenlos ein anderes an die Stelle. Der Grund ist nicht diese oder jene Sitte, ein Glaube oder ein Unglaube, sondern unsere unaustilgbare Eigenschaft, gefallen zu wollen und das Mißfallen zu fürchten. Damit einher geht, oder daraus folgt, daß wir nach Rang und Einfluß streben und den Machtverlust fürchten wie das Verhängnis (gefallen und mächtig sein ist in gewisser Hinsicht dasselbe; nicht mißfallen wollen und um den Einfluß fürchten ebenso; hier läßt sich Grund und Folge schwer auseinanderhalten).

Wir streben zu gefallen und fürchten zu mißfallen, gleichermaßen streben wir nach Macht und fürchten die Schwäche. Und selbst von einem Tyrannen sagt man zu Unrecht, er brauche keinem zu gefallen und könne sich jederzeit mit Gewalt seiner Gegner erwehren. Nein, denn einerseits hängt er gar sehr an der Gunst seiner Anhänger — weil er alleine gar nichts kann — und muß andererseits stets um seine Macht fürchten wegen seiner Feinde, und drittens ist er, wie jeder, seinen Launen und Leidenschaften unterworfen, welche wiederum geboren werden aus seiner Vorstellung, wie andere ihn wohl achten.