DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. Oktober 2009

Der Tugendhafte dient andern, um bei ihnen besser dazustehen, wenigstens bei denen, auf deren Urteil er Wert legt. Sein Opfer ist nur bedingt, er opfert Geld und hofft auf Dankbarkeit, er opfert sein Leben und erhofft sich ewigen Ruhm.

An dieser Bedingtheit, dieser Gegenseitigkeit ist nichts auszusetzen, es ist nur nicht das, wofür es oft gehalten wird, nämlich ein Opfer ohne Gegenleistung. Die Tugendübung ist ein Tauschgeschäft, bei dem beiden Parteien geholfen ist — und letztlich ist es das Größte und Bewegendste, was Menschen können.

Die reine Uneigennützigkeit existiert allenfalls in der Art von Reflexen, wenn man, ohne nachzudenken, einem Ertrinkenden zu Hilfe eilt, sich vor ein bedrohtes Weib stellt, den Freund rettet, indem man den Streich selbst empfängt. Aber selbst dies sind hauptsächlich anerzogene Reflexe, auf die wir uns schon unbewußt und lange Zeit vorbereitet haben, in Romanen und Filmen, weil wir wissen, daß man so zum Helden wird, bei Unterlassung aber zum Abschaum. Ganz intuitiv und aus reiner Fürsorge wird man es wohl nur gegenüber den eigenen Kindern tun, die man wie das eigene Fleisch empfindet, die man also beschützt, wie man sich selber schützen würde.

Vor allem sollten wir uns hüten, unser Lob zurückzuhalten, nur weil hinter der großen Tat Eigennutz und Ruhmsucht durchscheint. Es gäbe nämlich sonst an der Menschheit gar nichts mehr zu loben.